(Kiel) Die Kün­di­gung des ver­lags­un­ab­hän­gi­gen Pres­se-Gros­sis­ten Gra­de durch die Bau­er Media Group ist wirk­sam. Bau­er ist des­halb nicht ver­pflich­tet, sei­ne Pres­se­er­zeug­nis­se im Ver­triebs­ge­biet von Gra­de wei­ter­hin an die­sen Gros­sis­ten zu lie­fern.

Dar­auf ver­weist die Ham­bur­ger Fach­an­wäl­tin für Urhe­ber- und Medi­en­recht Karin Scheel-Pötzl von der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. mit Sitz in Kiel unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) vom 24. Okto­ber 2011 zu sei­nem Urteil vom glei­chen Tage – KZR 7/10.

Der Groß­han­del mit Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten erfolgt in Deutsch­land seit Jahr­zehn­ten im Pres­se-Gros­so-Sys­tem. Dabei ver­trei­ben etwa 70, weit über­wie­gend mit­tel­stän­disch struk­tu­rier­te Gros­sis­ten in ihren Ver­triebs­ge­bie­ten jeweils aus­schließ­lich die Pres­se­er­zeug­nis­se aller Ver­la­ge an die ins­ge­samt rund 120.000 Ver­kaufs­stel­len des Ein­zel­han­dels. Infol­ge­des­sen besteht in Deutsch­land ein Netz von Gros­so-Gebiets­mo­no­po­len. Nur in Ham­burg und Ber­lin gibt es jeweils zwei Gros­sis­ten (“Dop­pel-Gros­so”).

Der Ver­band Deut­scher Zeit­schrif­ten-Ver­le­ger (VDZ), dem Bau­er ange­hört, der Bun­des­ver­band Deut­scher Zei­tungs­ver­le­ger und der Bun­des­ver­band Deut­scher Buch‑, Zei­tungs- und Zeit­schrif­ten-Gros­sis­ten, des­sen Mit­glied Gra­de ist, haben sich im August 2004 auf Anre­gung der Bun­des­re­gie­rung in einer Gemein­sa­men Erklä­rung “zuguns­ten der Über­al­ler­hält­lich­keit und Viel­falt des Pres­se­an­ge­bots in Deutsch­land” zum “bewähr­ten” Gros­so-Ver­triebs­sys­tem “ein­mü­tig bekannt”.

Die Bau­er Media Group gehört zu den füh­ren­den deut­schen und euro­päi­schen Zeit­schrif­ten­ver­la­gen. Sie hat Anfang 2009 den Pres­se-Gros­so-Ver­triebs­ver­trag mit der Heinz-Ulrich Gra­de KG, die ihr Ver­triebs­ge­biet im Ham­bur­ger Umland hat, gekün­digt. Seit­her ver­treibt Bau­er ihre Zeit­schrif­ten in die­sem Gebiet über ihre Kon­zern­ge­sell­schaft PVN. Hier­ge­gen hat Gra­de Kla­ge mit dem Ziel erho­ben, wei­ter­hin aus­schließ­lich mit den Pres­se­er­zeug­nis­sen von Bau­er belie­fert zu wer­den.

Das Ober­lan­des­ge­richt hat die Kün­di­gung des Gros­so-Ver­triebs­ver­trags als wirk­sam erach­tet und – anders als das Land­ge­richt – einen Belie­fe­rungs­an­spruch mit Pres­se­er­zeug­nis­sen des Bau­er-Ver­lags ver­neint.

Die dage­gen von Gra­de ein­ge­leg­te Revi­si­on hat der Bun­des­ge­richts­hof im Wesent­li­chen aus fol­gen­den Erwä­gun­gen zurück­ge­wie­sen, so Scheel-Pötzl:

An der Kün­di­gung war Bau­er nicht durch die Gemein­sa­me Erklä­rung gehin­dert. Die­se begrün­det für den Ver­lag kei­ne Rechts­wir­kun­gen. Denn Bau­er ist die­ser Erklä­rung nicht bei­getre­ten und hat ihren Inhalt auch nicht im Wege einer Ände­rung der Gros­sis­ten-Ver­trä­ge als ver­bind­lich aner­kannt.

Die Kla­ge konn­te auch nicht mit Erfolg auf § 20 Abs. 1 GWB (Behin­de­rungs- und Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot) gestützt wer­den. Eine ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung liegt nicht vor. Soweit Bau­er in ande­ren Gebie­ten wei­ter­hin Pres­se­gros­sis­ten allein belie­fert, beein­träch­tigt das nicht die Wett­be­werbs­chan­cen der Klä­ge­rin. Es stellt auch kei­ne unbil­li­ge Behin­de­rung von Gra­de dar, dass Bau­er den Ver­trieb sei­ner Pres­ser­zeug­nis­se der PVN über­trägt. Jedem Unter­neh­men steht es grund­sätz­lich frei, den bis­her unab­hän­gi­gen Händ­lern über­tra­ge­nen Ver­trieb sei­ner Pro­duk­te selbst zu über­neh­men.

Beson­de­re Umstän­de, aus denen sich den­noch eine Unbil­lig­keit der Kün­di­gung von Gra­de erge­ben könn­te, waren nicht ersicht­lich. Aller­dings war zu berück­sich­ti­gen, dass die Tätig­keit der Pres­se­gros­sis­ten in den Schutz­be­reich der Pres­se­frei­heit (Art. 5 Abs. 1 GG) ein­be­zo­gen ist. In die­sem Zusam­men­hang ist die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Preis­bin­dung für Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten zu gewähr­leis­ten, die der Gesetz­ge­ber zum Schutz der Pres­se­frei­heit zuge­las­sen hat. Sie wird durch die Kün­di­gung des Gros­sis­ten-Ver­trags der Klä­ge­rin aber nicht in Fra­ge gestellt. Denn ein not­wen­di­ger Zusam­men­hang zwi­schen gebiets­be­zo­ge­ner Allein­aus­lie­fe­rung und Preis­bin­dung besteht nicht. Es wer­den auch weder die Inter­es­sen der Zeit­schrif­ten­ein­zel­händ­ler an einem umfas­sen­den Sor­ti­ment und einer ein­fa­chen Remis­si­on beein­träch­tigt, noch die­je­ni­gen klei­ner Ver­la­ge an einem unge­hin­der­ten Markt­zu­tritt. Denn auch in Ham­burg und Ber­lin sind kei­ne Schwie­rig­kei­ten mit dem dort bestehen­den Dop­pel-Gros­so bekannt gewor­den. Zudem bleibt die Klä­ge­rin wegen ihrer auch ohne die Pres­se­er­zeug­nis­se von Bau­er über­ra­gen­den Stel­lung beim Pres­se­ver­trieb in ihrem Gebiet ver­pflich­tet, allen Ver­la­gen dort Markt­zu­gang zu gewäh­ren.

Die Klä­ge­rin hat auch nicht dar­ge­legt, dass Bau­er kei­ne logis­ti­schen Grün­de dafür hat­te, ihrer bis­her allein in Ham­burg täti­gen Kon­zern­ge­sell­schaft PVN zunächst nur den Ver­trieb im Ham­bur­ger Umland zusätz­lich zu über­tra­gen.

Der von der Klä­ge­rin hilfs­wei­se gel­tend gemach­te Anspruch auf Belie­fe­rung neben der PVN besteht eben­falls nicht. Die Beklag­te ist berech­tigt, ihre Erzeug­nis­se im Gebiet der Klä­ge­rin künf­tig allein über ihre Toch­ter­ge­sell­schaft PVN zu ver­trei­ben.

Scheel-Pötzl emp­fahl, dies zu beach­ten und bei ähn­li­chen Fäl­len auf jeden Fall Rechts­rat ein­zu­ho­len und ver­wies in die­sem Zusam­men­hang u. a. auch auf die DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de -

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