(Kiel) Der Bun­des­ge­richts­hof hat am 15.07.2009 ent­schie­den, dass die eine bestimm­te, von einem Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men in einem Gas­ver­sor­gungs-Son­der­ver­trag ver­wen­de­te Preis­an­pas­sungs­klau­sel wegen unan­ge­mes­se­ner Benach­tei­li­gung der Kun­den gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB unwirk­sam ist.

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Rechts­an­walt Jens Klar­mann, Lan­des­re­gio­nal­lei­ter „Schles­wig-Hol­stein“ der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. mit Sitz in Kiel unter Hin­weis auf das Urteil des Bun­de­ge­richts­hofs (BGH) vom 15.07.2009, Az.: VIII ZR 225/07.


Die vom BGH bean­stan­de­te Klau­sel lau­tet:


Der Gas­preis folgt den an den inter­na­tio­na­len Märk­ten notier­ten Ölprei­sen. Inso­fern ist die G. (Bekl.) berech­tigt, die Gas­prei­se … auch wäh­rend der lau­fen­den Ver­trags­be­zie­hung an die geän­der­ten Gas­be­zugs­kos­ten der G. anzu­pas­sen. Die Preis­än­de­run­gen schlie­ßen sowohl Erhö­hung als auch Absen­kung ein.”


In dem Ver­fah­ren strei­ten die Par­tei­en um die Wirk­sam­keit von ein­sei­tig vor­ge­nom­me­nen Gas­preis­er­hö­hun­gen. Der Klä­ger bezog von der Beklag­ten Erd­gas zu Son­der­preis­kon­di­tio­nen. Dafür gal­ten nach dem Ver­sor­gungs­ver­trag vor­ran­gig die All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Beklag­ten, in denen die oben genann­te Preis­an­pas­sungs­klau­sel ent­hal­ten ist, und ledig­lich, soweit die All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen nichts ande­res vor­se­hen, ergän­zend die Vor­schrif­ten der Ver­ord­nung über All­ge­mei­ne Bedin­gun­gen für die Gas­ver­sor­gung von Tarif­kun­den (AVB­GasV). Die Beklag­te erhöh­te den Net­to-Arbeit­preis zum 1. Okto­ber 2005 um 0,5 Cent/kWh auf 4,1 Cent/kWh und zum 1. Janu­ar 2006 um wei­te­re 0,5 Cent/kWh auf 4,6 Cent/kWh. Mit sei­ner Kla­ge hat der Klä­ger die Fest­stel­lung begehrt, dass die Preis­er­hö­hun­gen unwirk­sam sei­en. Das Amts­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Auf die Beru­fung der Beklag­ten hat das Land­ge­richt die Kla­ge abge­wie­sen.


Die dage­gen gerich­te­te Revi­si­on des Klä­gers hat­te Erfolg, betont Klar­mann.


Der VIII. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat ent­schie­den, dass die von der Beklag­ten gegen­über dem Klä­ger vor­ge­nom­me­nen Erhö­hun­gen der Erd­gas­prei­se zum 1. Okto­ber 2005 und 1. Janu­ar 2006 unwirk­sam sind, weil die Preis­an­pas­sungs­re­ge­lung in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Beklag­ten gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB unwirk­sam ist und der Beklag­ten des­halb ein Recht zur ein­sei­ti­gen Ände­rung des Gas­prei­ses nicht zusteht.


Anders als das Beru­fungs­ge­richt ange­nom­men hat, war die Beklag­te nicht unmit­tel­bar nach der — im Zeit­punkt der streit­ge­gen­ständ­li­chen Preis­er­hö­hun­gen noch gel­ten­den — Vor­schrift des § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV zur Preis­än­de­rung berech­tigt, weil es sich bei dem Klä­ger nicht um einen Tarif­kun­den im Sin­ne von § 1 Abs. 2 AVB­GasV han­delt. Der Senat hat ent­schie­den, dass es für die Unter­schei­dung zwi­schen Tarif­kun­den­ver­trä­gen im Sin­ne von § 10 Abs. 1 EnWG 1998, § 1 Abs. 1 AVB­GasV (jetzt Grund­ver­sor­gungs­ver­trä­gen im Sin­ne von § 36 Abs. 1 EnWG 2005) und Norm­son­der­kun­den­ver­trä­gen mit Haus­halts­kun­den dar­auf ankommt, ob das Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men – aus der Sicht eines durch­schnitt­li­chen Abneh­mers – die Ver­sor­gung zu öffent­lich bekannt gemach­ten Bedin­gun­gen und Prei­sen im Rah­men einer Ver­sor­gungs­pflicht nach den genann­ten Vor­schrif­ten anbie­tet oder ob das Ange­bot unab­hän­gig davon im Rah­men der all­ge­mei­nen Ver­trags­frei­heit erfolgt. Aus den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Beklag­ten ergibt sich ein­deu­tig, dass der Ver­trag mit dem Klä­ger danach als Son­der­kun­den­ver­trag ein­zu­stu­fen ist. Eine ein­sei­ti­ge Preis­än­de­rung durch die Beklag­te hät­te des­halb nur auf der Grund­la­ge einer wirk­sa­men Preis­an­pas­sungs­klau­sel erfol­gen kön­nen.


Nach Auf­fas­sung des Senats hält aller­dings eine Preis­an­pas­sungs­klau­sel, die das im Tarif­kun­den­ver­hält­nis bestehen­de gesetz­li­che Preis­än­de­rungs­recht nach § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV unver­än­dert in einen Norm­son­der­kun­den­ver­trag über­nimmt, also davon nicht zum Nach­teil des Kun­den abweicht, einer Inhalts­kon­trol­le stand. Den Vor­schrif­ten in § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV kommt inso­weit eine “Leit­bild­funk­ti­on im wei­te­ren Sin­ne” auch im Hin­blick auf Preis­an­pas­sungs­klau­seln in Norm­son­der­kun­den­ver­trä­gen zu. Der Gesetz­ge­ber des AGB-Geset­zes (§ 23 Abs. 2 Nr. 2 AGBG, jetzt § 310 Abs. 2 Satz 1 BGB) woll­te es den Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men frei­stel­len, ihre All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen mit Son­der­ab­neh­mern ent­spre­chend den All­ge­mei­nen Ver­sor­gungs­be­din­gun­gen aus­zu­ge­stal­ten, weil Son­der­ab­neh­mer, auch wenn sie Ver­brau­cher sind, kei­nes stär­ke­ren Schut­zes bedür­fen als Tarif­ab­neh­mer.


Die Preis­an­pas­sungs­klau­sel der Beklag­ten ent­hält aber kei­ne unver­än­der­te Über­nah­me des Preis­än­de­rungs­rechts nach § 4 AVB­GasV in den Son­der­ver­trag mit dem Klä­ger, son­dern weicht – jeden­falls bei der gebo­te­nen kun­den­feind­lichs­ten Aus­le­gung – in zwei­fa­cher Hin­sicht zum Nach­teil der Kun­den der Beklag­ten davon ab und ist des­halb gemäß § 307 Abs. 1 BGB unwirk­sam. § 4 AVB­GasV ermög­licht die Wei­ter­ga­be von gestie­ge­nen Bezugs­kos­ten an Tarif­kun­den nur inso­weit, als die Kos­ten­stei­ge­rung nicht durch rück­läu­fi­ge Kos­ten in ande­ren Berei­chen aus­ge­gli­chen wird (BGHZ 172, 315; Urteil vom 19. Novem­ber 2008 – VIII ZR 138/07; dazu Pres­se­mit­tei­lun­gen Nr. 70/2007 und Nr. 211/2008). Nach der Preis­an­pas­sungs­klau­sel der Beklag­ten ist dage­gen eine Preis­er­hö­hung wegen gestie­ge­ner Bezugs­kos­ten auch dann zuläs­sig, wenn sich deren Kos­ten ins­ge­samt nicht erhöht haben. Außer­dem geht das Preis­än­de­rungs­recht des Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens nach § 4 AVB­GasV wegen der Bin­dung an bil­li­ges Ermes­sen mit der Rechts­pflicht ein­her, gefal­le­nen Gas­be­zugs­kos­ten nach glei­chen Maß­stä­ben wie gestie­ge­nen Kos­ten Rech­nung zu tra­gen (BGHZ 176, 244, dazu Pres­se­mit­tei­lung Nr. 86/2008). Eine sol­che Ver­pflich­tung ent­hält die Preis­an­pas­sungs­klau­sel der Beklag­ten nicht. Danach ist die Beklag­te zwar berech­tigt, nicht aber ver­pflich­tet, zu bestimm­ten Zeit­punk­ten eine Preis­an­pas­sung nach glei­chen Maß­stä­ben unab­hän­gig davon vor­zu­neh­men, in wel­che Rich­tung sich die Gas­be­zugs­kos­ten seit Ver­trags­schluss oder seit der letz­ten Preis­an­pas­sung ent­wi­ckelt haben.


Klar­mann emp­fahl, die­ses Urteil zu beach­ten und ggfs. recht­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auch auf die DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de – ver­wies.


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