(Kiel) Der Bun­des­ge­richts­hof hat in einem Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­ren gegen die Daim­ler AG wegen angeb­lich ver­spä­te­ter Ad-hoc-Mit­tei­lung über das vor­zei­ti­ge Aus­schei­den ihres dama­li­gen Vor­stands­vor­sit­zen­den Prof. Schrempp dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen zur Aus­le­gung der Richt­li­nie 2003/6/EG vom 28. Janu­ar 2003 über Insi­der-Geschäf­te und Markt­ma­ni­pu­la­ti­on (Markt­miss­brauchs-Richt­li­nie)* und der zu deren Durch­füh­rung erlas­se­nen Richt­li­nie 2003/124/EG vom 22. Dezem­ber 2003 (Durch­füh­rungs-Richt­li­nie) zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt.


Dar­auf ver­weist der Frank­fur­ter Fach­an­walt für Bank- und Kapi­tal­markt­recht Klaus Hün­lein von der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. mit Sitz in Kiel unter Hin­weis auf den am 23.12.2010 ver­öf­fent­lich­ten Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) vom 22. Novem­ber 2010 – II ZB 7/09.


Am 17. Mai 2005 erör­ter­te der dama­li­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de der Daim­ler AG Prof. Schrempp mit dem dama­li­gen Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den Kop­per sei­ne Absicht, zum Ende des Jah­res 2005 von sei­nem Amt zurück­zu­tre­ten. Im Juni/Juli 2005 wur­den zwei Auf­sichts­rats­mit­glie­der und das Vor­stands­mit­glied Dr. Zet­sche, der Nach­fol­ger Schrempps als Vor­stands­vor­sit­zen­der wer­den soll­te, sowie wei­te­re Mit­ar­bei­ter über die Plä­ne infor­miert. Am 18. Juli 2005 ver­stän­dig­ten sich Schrempp und Kop­per dar­auf, in der Auf­sichts­rats­sit­zung vom 28. Juli 2005 das vor­zei­ti­ge Aus­schei­den Schrempps zum Ende des Jah­res vor­zu­schla­gen. Am 25. Juli 2005 erör­ter­te Schrempp mit dem Vor­sit­zen­den des Kon­zern- und Gesamt­be­triebs­rats den Wech­sel.


Am 27. Juli 2005 beschloss der Prä­si­di­al­aus­schuss von Daim­ler nach 17.00 Uhr, dem Auf­sichts­rat am Fol­ge­tag vor­zu­schla­gen, dem vor­zei­ti­gen Aus­schei­den Schrempps zum Jah­res­en­de zuzu­stim­men. Der Auf­sichts­rat fass­te am 28. Juli 2005 gegen 9.50 Uhr einen ent­spre­chen­den Beschluss. Hier­von infor­mier­te die Daim­ler AG die Geschäfts­füh­run­gen der Bör­sen und der Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst-leis­tungs­auf­sicht (BaFin). Um 10.32 Uhr wur­de die Ad-hoc-Mit­tei­lung in der Mel­dungs­da­ten­bank der Deut­schen Gesell­schaft für Ad-hoc-Publi­zi­tät (DGAP) ver­öf­fent­licht.


In dem Mus­ter­ver­fah­ren, dem eine Viel­zahl von Kla­gen von Aktio­nä­ren zugrun­de liegt, wer­den Scha­dens­er­satz­an­sprü­che nach § 37b Abs. 1 WpHG gel­tend gemacht, so Hün­lein.


Der Muster­klä­ger ist der Ansicht, eine ver­öf­fent­li­chungs­pflich­ti­ge Insi­der­infor­ma­ti­on über das Aus­schei­den von Schrempp habe spä­tes­tens im Mai 2005 seit dem Gespräch mit dem Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den Kop­per vor­ge­le­gen. Nach dem 17. Mai 2005, aber vor der Ad-hoc-Mit­tei­lung über das Aus­schei­den am 28. Juli 2005, sei­en Akti­en der Mus­ter­be­klag­ten zu einem Kurs von 31,85 € bzw. 36,50 € ver­kauft wor­den. Da der Kurs der Daim­ler-Akti­en nach der Ad-hoc-Mit­tei­lung noch am sel­ben Tag auf 40,40 € und in der Fol­ge­zeit auf 42,95 € ange­stie­gen sei, habe das Unter­las­sen der recht­zei­ti­gen Ver­öf­fent­li­chung der Ad-hoc-Mit­tei­lung zu einem ent­spre­chen­den Ver­äu­ße­rungs­scha­den geführt, den die Mus­ter­be­klag­te zu erset­zen habe.


Das Ober­lan­des­ge­richt hat­te in einem ers­ten Mus­ter­ent­scheid fest­ge­stellt, dass durch die Vor­gän­ge im Zusam­men­hang mit dem vor­zei­ti­gen Aus­schei­den Schrempps eine Insi­der­infor­ma­ti­on im Sin­ne des § 37 b Abs. 1 WpHG erst auf­grund der Ent­schei­dung des Auf­sichts­rats am 28. Juli 2005 um ca. 9.50 Uhr ent­stan­den sei und die Mus­ter­be­klag­te die­se unver­züg­lich ver­öf­fent­licht habe. In einem ers­ten Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren hat­te der Bun­des­ge­richts­hof im Febru­ar 2008 die­sen Mus­ter­ent­scheid auf­ge­ho­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ober­lan­des­ge­richt zurück­ver­wie­sen.


Das Ober­lan­des­ge­richt hat nun­mehr fest­ge­stellt, dass frü­hes­tens am 27. Juli 2005 mit der Beschluss­fas­sung des Prä­si­di­al­aus­schus­ses des Auf­sichts­rats der Mus­ter­be­klag­ten nach 17.00 Uhr eine ver­öf­fent­li­chungs­pflich­ti­ge Insi­der­infor­ma­ti­on über die Zustim­mung des Auf­sichts­rats zum ein­ver­nehm­li­chen Rück­tritt zum Jah­res­en­de ent­stan­den sei. Auch bei gestreck­ten Vor­gän­gen kom­me es nicht dar­auf an, ob bereits Zwi­schen­schrit­te — wie hier etwa die Unter­rich­tung des Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den Kop­per im Mai 2005 oder des Nach­fol­gers Dr. Zet­sche im Juni 2005 über die Rück­tritts­ab­sich­ten Schrempps — den Kurs der Aktie beein­flus­sen könn­ten; maß­geb­lich sei viel­mehr, ob das künf­ti­ge Ereig­nis, das das Ober­lan­des­ge­richt hier im Beschluss des Auf­sichts­rats vom 28. Juli 2005 gese­hen hat, hin­rei­chend wahr­schein­lich sei.


Die Ent­schei­dung über die Mus­ter­rechts­be­schwer­de hängt davon ab, ob bei einem zeit­lich gestreck­ten Vor­gang Zwi­schen­schrit­te selb­stän­dig von Bedeu­tung und damit ver­öf­fent­li­chungs­pflich­tig sein kön­nen oder nur dann, wenn der Ein­tritt des ange­streb­ten künf­ti­gen Ereig­nis­ses mit ihrer Ver­wirk­li­chung hin­rei­chend wahr­schein­lich wird und ob die hin­rei­chen­de Wahr­schein­lich­keit des Ein­tritts des künf­ti­gen Ereig­nis­ses eine Beur­tei­lung mit über­wie­gen­der oder sogar hoher Wahr­schein­lich­keit ver­langt. Dies lässt sich nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs durch Aus­le­gung von Art. 1 Abs. 1 der Markt­miss­brauchs- und Art. 1 Abs. 1 und 2 der Durch­füh­rungs-Richt­li­nie, auf deren Umset­zung die deut­schen Vor­schrif­ten über Insi­der­infor­ma­tio­nen beru­hen, nicht zwei­fels­frei beant­wor­ten. Der Bun­des­ge­richts­hof hat daher das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die­se Fra­gen nach Art. 267 AEUV zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt.


Rechts­an­walt Hün­lein emp­fahl, die anste­hen­de Ent­schei­dung zu beach­ten und in Zwei­fels­fäl­len um recht­li­chen Rat nach­zu­su­chen, wozu er u. a. auch auf die auf Kapi­tal­markt­recht spe­zia­li­sier­ten Anwäl­te/-innen in der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e.V. – www.mittelstands-anwaelte.de – ver­wies.


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