(Kiel) Der u. a. für das Wett­be­werbs­recht zustän­di­ge I. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) hat am 01.10.2009 sei­ne Recht­spre­chung zu den Gren­zen humor­vol­ler Wer­be­ver­glei­che prä­zi­siert.

Dar­auf ver­weist die Ham­bur­ger Fach­an­wäl­tin für Urhe­ber- und Medi­en­recht Karin Scheel-Pötzl von der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. mit Sitz in Kiel unter Hin­weis auf das Urteil des BGH vom 01.10..2009, Az.: I ZR 134/07 – Gib mal Zei­tung!


Die Par­tei­en sind Pres­se­un­ter­neh­men. Im Ver­lag der Klä­ge­rin erscheint die BILD-Zei­tung, die Beklag­te ver­legt “die tages­zei­tung” (TAZ). Die Beklag­te warb im Jahr 2005 mit einem Kino-Wer­be­spot für die TAZ. Im ers­ten Teil des Wer­be­pots ist vor einem als “Trink­hal­le” bezeich­ne­ten Zei­tungs­ki­osk ein mit dem Logo der BILD-Zei­tung ver­se­he­ner, lee­rer Zei­tungs­stän­der zu sehen. Ein Kun­de, der nur mit einem Unter­hemd und einer Jog­ging­ho­se beklei­det ist, for­dert den Inha­ber des Kiosks auf: “Kal­le, gib mal Zei­tung”, wor­auf die­ser ent­geg­net: “Is aus”. Auf Nach­fra­ge des Kun­den: “Wie aus?”, schiebt der Kios­kin­ha­ber wort­los eine TAZ über den Tre­sen. Der Kun­de reagiert hier­auf mit den Wor­ten: “Wat is dat denn? Mach mich nicht fer­tig, Du” und wirft die TAZ nach einem Blick in die Zei­tung ver­är­gert zurück auf den Laden­tisch. Der Kios­kin­ha­ber holt nun eine unter dem Tre­sen ver­steck­te BILD-Zei­tung her­vor, die er dem Kun­den gibt. Dar­auf­hin bre­chen bei­de in Geläch­ter aus. Im zwei­ten Teil des Wer­be­spots ist vor der “Trink­hal­le” ein nun­mehr mit BILD-Zei­tun­gen gefüll­ter Zei­tungs­tän­der zu sehen. Der Kun­de ver­langt aber: “Kal­le, gib mal taz”. Der Kios­kin­ha­ber ist so ver­blüfft, dass er die­ser Auf­for­de­rung nicht nach­kommt. Jetzt bricht der Kun­de in Geläch­ter aus, in das der Kios­kin­ha­ber ein­stimmt. Am Ende bei­der Tei­le des Wer­be­spots ist der Text ein­ge­blen­det: “taz ist nicht für jeden. Das ist OK so.” Die Klä­ge­rin sieht in die­sem Wer­be­spot eine nach § 6 Abs. 2 Nr. 5 UWG unlau­te­re ver­glei­chen­de Wer­bung und nimmt die Beklag­te daher auf Unter­las­sung, Aus­kunfts­er­tei­lung und Fest­stel­lung ihrer Scha­dens­er­satz-pflicht in Anspruch. Wer ver­glei­chend wirbt, han­delt nach die­ser Bestim­mung unlau­ter, wenn der Ver­gleich die Waren eines Mit­be­wer­bers her­ab­setzt oder ver­un­glimpft.


Land­ge­richt und Beru­fungs­ge­richt haben der Kla­ge weit­ge­hend statt­ge­ge­ben. Das Beru­fungs­ge­richt hat ange­nom­men, die Beklag­te über­schrei­te mit dem Wer­be­spot, auch wenn die­ser durch Witz, Iro­nie und Sar­kas­mus geprägt sei, die Gren­zen des wett­be­werb­lich Zuläs­si­gen. Sie ver­su­che, ihre Zei­tung werb­lich her­aus­zu­stel­len, indem sie ein ver­nich­ten­des Bild von der trost­lo­sen Sozi­al­struk­tur und den (feh­len­den) intel­lek­tu­el­len Fähig­kei­ten eines typi­schen BILD-Zei­tungs­le­sers zeich­ne und damit die Leser­schaft und die Zei­tung der Klä­ge­rin ohne sach­li­chen Grund abqua­li­fi­zie­re.


Auf die Revi­si­on der Beklag­ten hat der Bun­des­ge­richts­hof die Ent­schei­dun­gen der Vor­in­stan­zen auf­ge­ho­ben und die Kla­ge abge­wie­sen, betont Scheel-Pötzl.
Für die Beur­tei­lung der Zuläs­sig­keit eines Wer­be­ver­gleichs ist — so der Bun­des­ge­richts­hof — auf die mut­maß­li­che Wahr­neh­mung eines durch­schnitt­lich infor­mier­ten, auf­merk­sa­men und ver­stän­di­gen Durch­schnitts­ver­brau­chers abzu­stel­len, der zuneh­mend an poin­tier­te Aus­sa­gen in der Wer­bung gewöhnt ist. Eine humor­vol­le oder iro­ni­sche Anspie­lung auf einen Mit­be­wer­ber oder des­sen Pro­duk­te stel­le daher erst dann eine unzu­läs­si­ge Her­ab­set­zung dar, wenn sie den Mit­be­wer­ber dem Spott oder der Lächer­lich­keit preis­ge­be oder von den Adres­sa­ten der Wer­bung wört­lich und damit ernst genom­men und daher als Abwer­tung ver­stan­den wer­de. Der Wer­be­spot der Beklag­ten ist nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs danach nicht als wett­be­werbs­wid­rig anzu­se­hen. Er brin­ge ledig­lich zum Aus­druck, dass die TAZ “nicht für jeden” sei, also nicht den Mas­sen­ge­schmack anspre­che. Der durch­schnitt­li­che Zuschau­er erken­ne, dass es sich bei der Dar­stel­lung um eine humor­vol­le Über­spit­zung han­de­le, mit der die Auf­merk­sam­keit der Wer­be­adres­sa­ten geweckt und nicht die BILD-Zei­tung oder deren Leser­schaft pau­schal abge­wer­tet wer­den sol­le.


Scheel-Pötzl emp­fahl, das Urteil zu beach­ten und bei ähn­li­chen Fäl­len auf jeden Fall Rechts­rat ein­zu­ho­len und ver­wies in die­sem Zusam­men­hang u. a. auch auf die DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de  -


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