(Kiel) Der Bun­des­ge­richts­hof hat am 24. März 2010 in zwei Fäl­len ent­schie­den, dass Preis­an­pas­sungs­klau­seln in Erd­gas-Son­der­kun­den­ver­trä­gen, die den Arbeits­preis für Erd­gas allein an die Ent­wick­lung des Prei­ses für extra leich­tes Heiz­öl (“HEL”) bin­den, die Kun­den unan­ge­mes­sen benach­tei­li­gen und des­halb nicht Grund­la­ge einer Preis­an­pas­sung sein kön­nen.

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Rechts­an­walt Jens Klar­mann, Lan­des­re­gio­nal­lei­ter „Schles­wig-Hol­stein“ der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. mit Sitz in Kiel unter Hin­weis auf die Urtei­le des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) vom 24. März 2010, Az.: VIII ZR 304/08 und VIII ZR 304/08.


Im ers­ten Fall ver­lang­te ein Ver­brau­cher­schutz­ver­band von einem im Rhein­land ansäs­si­gen Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men unter ande­rem, die Ver­wen­dung der fol­gen­den Preis­an­pas­sungs­be­stim­mun­gen für den Arbeits­preis (AP) in zwei näher bezeich­ne­ten Son­der­ver­trags­mus­tern zu unter­las­sen:


AP = 2,43 + (0,092 * (HEL — 19,92)) + 0,2024 in ct/kWh”


und


für die ers­ten 4.972 kWh/Jahr AP = 3,21 + 0,092 * (HEL — 25,39) + 0,2024 in ct/kWh


von 4.973 bis 99.447 kWh/Jahr AP = 2,88 + 0,092 * (HEL — 25,39) + 0,2024 In ct/kWh


alle wei­te­ren kWh/Jahr AP = 2,83 + 0,092 * (HEL — 25,39) + 0,2024 in ct/kWh”.


Mit HEL ist defi­ni­ti­ons­ge­mäß der Preis für extra leich­tes Heiz­öl (ohne Umsatz­steu­er) in €/hl bezeich­net, wie er den monat­li­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes Wies­ba­den bei einer Tank­kraft­wa­gen-Lie­fe­rung von 40–50 hl frei Ver­brau­cher in Düs­sel­dorf zu ent­neh­men ist. In den Ver­trä­gen heißt es wei­ter:
“Der Erd­gas­preis wird jeweils mit Wir­kung zum 1. April und 1. Okto­ber eines jeden Jah­res ange­passt. Dabei wer­den jeweils zugrun­de gelegt:


- für die Bil­dung des Arbeits­prei­ses zum 1. April das arith­me­ti­sche Mit­tel der Prei­se für extra leich­tes Heiz­öl der Mona­te Juli bis Dezem­ber des vor­her­ge­hen­den Kalen­der­jah­res


- und für die Bil­dung des Arbeits­prei­ses zum 1. Okto­ber das arith­me­ti­sche Mit­tel der Prei­se für extra leich­tes Heiz­öl der Mona­te Janu­ar bis Juni des lau­fen­den Kalen­der­jah­res.”


Das Land­ge­richt Köln hat der Unter­las­sungs­kla­ge inso­weit statt­ge­ge­ben, das Ober­lan­des­ge­richt Köln hat sie auf die Beru­fung der Beklag­ten abge­wie­sen. Die dage­gen gerich­te­te Revi­si­on des kla­gen­den Ver­brau­cher­schutz­ver­ban­des hat­te Erfolg.


Im zwei­ten Fall sind die Klä­ger Kun­den eines kom­mu­na­len Ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens im Rhein-Main-Gebiet, von dem sie im Rah­men von Son­der­ver­trä­gen lei­tungs­ge­bun­den Gas bezie­hen. Hier­bei gel­ten die von dem Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men vor­for­mu­lier­ten “Bedin­gun­gen des Son­der­ver­tra­ges für Gas­lie­fe­run­gen”, in deren Zif­fer III es heißt:
“c) Als Heiz­öl­preis im Sin­ne von Zif­fer 2 des Ver­tra­ges gilt das aus 8 Monats­wer­ten gebil­de­te arith­me­ti­sche Mit­tel der vom Sta­tis­ti­schen Bun­des­amt erho­be­nen und ver­öf­fent­lich­ten monat­li­chen Preis­no­tie­rung für extra leich­tes Heiz­öl in € je 100 Liter frei Ver­brau­cher in Frank­furt bei Tank­kraft­wa­gen-Lie­fe­run­gen von 40 bis 50 hl pro Auf­trag ein­schließ­lich Ver­brauchs­steu­er. Der Arbeits­preis (AP) errech­net sich des­halb nach fol­gen­der For­mel:


AP (Cent je kWh) = 0,092 HEL


d) Ände­run­gen der Gas­prei­se auf­grund der Bin­dung an das Heiz­öl (HEL) tre­ten jeweils zum 1.4. und 1.10. eines jeden Jah­res ein. …”


Die Klä­ger haben unter ande­rem bean­tragt, die Unwirk­sam­keit die­ser Klau­seln fest­zu­stel­len. Das Land­ge­richt Frank­furt am Main hat die Kla­ge abge­wie­sen. Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main hat fest­ge­stellt, dass die Klau­sel den 36 Beru­fungs­klä­gern gegen­über unwirk­sam sei. Die dage­gen gerich­te­te Revi­si­on des beklag­ten Ver­sor­gungs­un­ter­neh­mens hat­te kei­nen Erfolg, so betont Klar­mann.


Der VIII. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat ent­schie­den, dass die Preis­be­rech­nungs­klau­seln die Kun­den der Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men unan­ge­mes­sen benach­tei­li­gen und des­halb nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB unwirk­sam sind. Ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se der Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men an der Ver­wen­dung der Klau­seln liegt nicht vor. Dies gilt auch dann, wenn es sich hier­bei um – nach dem Preis­klau­sel­ge­setz wirk­sa­me — Span­nungs­klau­seln han­deln soll­te, die die Erhal­tung einer bestimm­ten Wert­re­la­ti­on zwi­schen Leis­tung und Gegen­leis­tung bezwe­cken. Für sol­che Klau­seln mag in lang­fris­ti­gen Ver­trags­ver­hält­nis­sen ein berech­tig­tes Inter­es­se bestehen, wenn sie bestimmt und geeig­net sind zu gewähr­leis­ten, dass der geschul­de­te Preis mit dem jewei­li­gen Markt­preis für die zu erbrin­gen­de Leis­tung über­ein­stimmt. Für die Lie­fe­rung von lei­tungs­ge­bun­de­nem Gas an End­ver­brau­cher exis­tiert jedoch man­gels eines wirk­sa­men Wett­be­werbs nach wie vor kein Markt­preis. Dass sich der Gas­preis viel­fach par­al­lel zum Preis für leich­tes Heiz­öl ent­wi­ckelt, beruht nicht auf Markt­ein­flüs­sen, son­dern dar­auf, dass die Ölpreis­bin­dung der Gas­prei­se einer gefes­tig­ten Pra­xis ent­spricht.


Auch das somit allein ver­blei­ben­de aner­ken­nens­wer­te Inter­es­se der Gas­lie­fe­ran­ten, Kos­ten­stei­ge­run­gen an ihre Kun­den wei­ter­zu­ge­ben, führt nicht zur Wirk­sam­keit der Klau­seln. Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof grund­sätz­lich ein berech­tig­tes Inter­es­se von Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men aner­kannt, Kos­ten­stei­ge­run­gen wäh­rend der Ver­trags­lauf­zeit an ihre Norm­son­der­kun­den wei­ter­zu­ge­ben (vgl. Urtei­le vom 15. Juli 2009 — VIII ZR 225/07, Pres­se­mit­tei­lung Nr. 153/2009, und VIII ZR 56/08, Pres­se­mit­tei­lung Nr. 152/2009). Eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung der Kun­den liegt aber dann vor, wenn Preis­an­pas­sungs­be­stim­mun­gen dem Ver­wen­der die Mög­lich­keit ein­räu­men, über die Abwäl­zung kon­kre­ter Kos­ten­stei­ge­run­gen hin­aus einen zusätz­li­chen Gewinn zu erzie­len. Bei den bean­stan­de­ten Preis­an­pas­sungs­klau­seln ergibt sich die Mög­lich­keit einer unzu­läs­si­gen Gewinn­stei­ge­rung (schon) dar­aus, dass sie als ein­zi­ge Varia­ble für die Anpas­sung des Arbeits­prei­ses den Preis für extra leich­tes Heiz­öl (HEL) vor­se­hen und damit eine Erhö­hung der Gas­prei­se — auch unter Berück­sich­ti­gung der in den Ver­trags­mus­tern wei­ter ent­hal­te­nen Bestim­mun­gen über die Ände­rung des Grund­prei­ses — selbst dann erlau­ben, wenn stei­gen­de Bezugs­prei­se durch Kos­ten­sen­kun­gen in ande­ren Berei­chen, etwa bei den Netz- und Ver­triebs­kos­ten, auf­ge­fan­gen wer­den.


Klar­mann emp­fahl, dies zu beach­ten und ggfs. recht­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auch auf die DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de – ver­wies.


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