(Kiel) Der unter ande­rem für das Ver­si­che­rungs­ver­trags­recht zustän­di­ge IV. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat speben in meh­re­ren Ver­fah­ren dar­über ent­schie­den, wel­che Ansprü­che Ver­si­che­rungs­neh­mern, die in den Jah­ren 2001 und 2002 kre­dit­fi­nan­zier­te Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trä­ge des Pro­dukt­typs “Wealth­mas­ter Noble” bei dem eng­li­schen Lebens­ver­si­che­rer Cle­ri­cal Medi­cal Invest­ment Ltd. abge­schlos­sen haben, gegen die­sen Ver­si­che­rer zuste­hen.

Dar­auf ver­weist der Ham­bur­ger Rechts­an­walt Mat­thi­as W. Kroll, LL.M., Lei­ter des Fach­aus­schus­ses „Finanz­dienst­leis­tungs- und Ver­si­che­rungs­recht” der DASV Deut­schen Anwalt- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e.V. mit Sitz in Kiel, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) vom 11.07.2012 zu sei­nen Urtei­len vom glei­chen Tage, Az.: IV ZR 122/11 IV ZR 151/11, IV ZR 164/11, IV ZR 271/10 und IV ZR 286/10.

Den Ver­fah­ren IV ZR 151/11 und 164/11 lag dabei fol­gen­der Sach­ver­halt zugrun­de:

Bei die­sen anteils­ge­bun­de­nen Lebens­ver­si­che­run­gen haben die Klä­ger gegen Zah­lung eines Ein­mal­be­trags Antei­le an einem “Pool mit garan­tier­tem Wert­zu­wachs”, dem “Euro-Pool 2000EINS” erwor­ben. Die Ver­trä­ge, die die Klä­ger jeweils auf­grund einer Wer­bung durch “Unter­ver­mitt­ler” geschlos­sen haben, sind ein­ge­bet­tet in ein Anla­ge­mo­dell “Euro­plan”; die­ses sieht vor, dass die Zin­sen für das Bank­dar­le­hen durch ver­trag­lich bedun­ge­ne Aus­zah­lun­gen aus der Lebens­ver­si­che­rung zu ent­rich­ten sind und im Übri­gen durch einen Invest­ment­fonds ein Kapi­tal­stock gebil­det wird, der bei End­fäl­lig­keit des Dar­le­hens zu des­sen Til­gung ver­wen­det wer­den soll, wäh­rend wei­te­re über die­sen Zeit­punkt hin­aus­rei­chen­de Aus­zah­lun­gen den Ver­si­che­rungs­neh­mern als fort­lau­fen­de Ren­te zur Ver­fü­gung ste­hen sol­len.

Nach­dem der Wert­zu­wachs der den Klä­gern zuge­teil­ten Poo­l­an­tei­le in der Fol­ge­zeit nicht aus­reich­te, um die zunächst getä­tig­ten Aus­zah­lun­gen in vol­lem Umfang zu decken, redu­zier­te die Beklag­te unter Beru­fung auf ihre Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen die Anzahl der den Klä­gern zuge­wie­se­nen Antei­le und damit den jähr­lich mit­ge­teil­ten Ver­trags­wert.

Die Klä­ger ver­fol­gen in ers­ter Linie Scha­dens­er­satz­an­sprü­che wegen der Ver­let­zung von Auf­klä­rungs­pflich­ten im Zusam­men­hang mit den Ver­trags­ab­schlüs­sen; sie beru­fen sich u.a. dar­auf, dass die Beklag­te mit unrea­lis­ti­schen Ren­di­te­er­war­tun­gen gewor­ben habe bzw. durch ihre Unter­ver­mitt­ler habe wer­ben las­sen, und ver­lan­gen Ersatz des ihnen durch Abschluss der Ver­trä­ge ent­stan­de­nen Ver­trau­ens­scha­dens, ins­be­son­de­re Frei­stel­lung von den Ver­bind­lich­kei­ten aus den Dar­le­hens­ver­trä­gen. Hilfs­wei­se begeh­ren sie die Erfül­lung des Aus­zah­lungs­plans ohne Rück­nah­me von Antei­len.

In der Vor­in­stanz hat das OLG Stutt­gart in bei­den Ver­fah­ren die Beklag­te jeweils zur Erfül­lung des in den Ver­si­che­rungs­schei­nen fest­ge­leg­ten Aus­zah­lungs­plans ver­ur­teilt. Die pri­mär gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­sprü­che hat es im Hin­blick auf das Bestehen die­ser Erfül­lungs­an­sprü­che abge­wie­sen.

Auf die Revi­sio­nen der Par­tei­en hat der Bun­des­ge­richts­hof die Beru­fungs­ur­tei­le auf­ge­ho­ben, so Kroll, und die Sachen zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an die Vor­in­stanz zurück­ver­wie­sen. Hier­für waren im Wesent­li­chen fol­gen­de Grün­de maß­ge­bend:

Auf Grund­la­ge der schrift­li­chen Ver­trags­un­ter­la­gen ist anzu­neh­men, dass die Ver­pflich­tung der Beklag­ten zur Erfül­lung der in den Ver­si­che­rungs­schei­nen vor­ge­se­he­nen Aus­zah­lungs­plä­ne nicht unter dem Vor­be­halt einer aus­rei­chen­den Kapi­tal­de­ckung steht. Die objek­ti­ve Aus­le­gung der in die Ver­trä­ge ein­be­zo­ge­nen Poli­cen­be­din­gun­gen der Beklag­ten ergibt kei­ne wirk­sa­me Ein­schrän­kung die­ser Ver­pflich­tung.

Die vom OLG Stutt­gart inso­weit aus­ge­spro­che­nen Ver­ur­tei­lun­gen konn­ten nur des­halb nicht bestehen blei­ben, weil die­ses dem unter Beweis gestell­ten Vor­trag der Beklag­ten, dass die Par­tei­en den frag­li­chen Klau­seln auf­grund ent­spre­chen­der Erläu­te­run­gen des Ver­mitt­lers beim Ver­trags­ab­schluss über­ein­stim­mend ein von dem Ergeb­nis objek­ti­ver Aus­le­gung abwei­chen­des Ver­ständ­nis bei­gelegt hät­ten, nicht nach­ge­gan­gen war. Inso­weit bedarf es wei­te­rer Fest­stel­lun­gen.

Wei­ter hat der Bun­des­ge­richts­hof fest­ge­stellt, dass die gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­sprü­che nicht allein wegen des Bestehens der vor­ste­hend genann­ten Aus­zah­lungs­an­sprü­che abge­wie­sen wer­den durf­ten. Inso­weit ist es für einen Scha­den aus­rei­chend, dass der abge­schlos­se­ne Ver­trag sich für die Klä­ger auch unge­ach­tet bestehen­der Erfül­lungs­an­sprü­che als wirt­schaft­lich nach­tei­lig dar­stellt, weil er sie – u.a. auf­grund der ein­ge­gan­ge­nen Dar­le­hens­ver­pflich­tun­gen – in ihrer wirt­schaft­li­chen Dis­po­si­ti­ons­frei­heit beein­träch­tigt und ihren Anla­ge­zie­len nicht ent­spricht. Zu den Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen hat der Senat fer­ner aus­ge­führt:

Der Abschluss der Lebens­ver­si­che­rung “Wealth­mas­ter Noble” stellt sich bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tung in ers­ter Linie als ein Anla­ge­ge­schäft dar, wes­halb die Beklag­te wie bei sons­ti­gen Anla­ge­ge­schäf­ten auch ver­pflich­tet war, die Klä­ger bereits im Rah­men der Ver­trags­ver­hand­lun­gen voll­stän­dig über alle Umstän­de zu infor­mie­ren, die für ihren Anla­ge­ent­schluss von beson­de­rer Bedeu­tung waren.

In die­sem Rah­men muss die Beklag­te sich nach § 278 BGB das Han­deln und die Erklä­run­gen der tätig gewor­de­nen Unter­ver­mitt­ler zurech­nen las­sen, da sie im Rah­men eines so genann­ten Struk­tur­ver­triebs die mit dem Ver­trieb der Lebens­ver­si­che­rung in Deutsch­land ver­bun­de­nen Auf­ga­ben selb­stän­di­gen Ver­mitt­lern über­las­sen hat.

Die bestehen­den Auf­klä­rungs­pflich­ten hat die Beklag­te nach dem im Revi­si­ons­ver­fah­ren zugrun­de zu legen­den Sach­ver­halt vor allem dadurch ver­letzt, dass sie den Klä­gern ein unzu­tref­fen­des, zu posi­ti­ves Bild der zu erwar­ten­den Ren­di­te gege­ben hat. Den Klä­gern wur­den Mus­ter­be­rech­nun­gen über­ge­ben, die auf einer Ren­di­te­pro­gno­se von 8,5 % basie­ren, obwohl die Beklag­te selbst nur eine Ren­di­te von 6 % als rea­lis­tisch ange­se­hen hat, was in den Hin­wei­sen zu den Mus­ter­be­rech­nun­gen nicht aus­rei­chend deut­lich kennt­lich gemacht ist.

Des Wei­te­ren war die Beklag­te zu einer ver­ständ­li­chen Infor­ma­ti­on dar­über ver­pflich­tet, dass sie im Rah­men des von ihr prak­ti­zier­ten Glät­tungs­ver­fah­rens (“smoot­hing”) nach eige­nem Ermes­sen dar­über ent­schei­det, in wel­cher Höhe eine tat­säch­lich erziel­te Ren­di­te an die Ver­si­che­rungs­neh­mer wei­ter­ge­ben wird und in wel­cher Höhe sie in Reser­ven fließt. Sie muss­te fer­ner dar­über auf­klä­ren, dass die mit den Bei­trä­gen der Klä­ger gebil­de­ten Reser­ven auch zur Erfül­lung der Garan­tie­an­sprü­che der Anle­ger ande­rer Pools ver­wen­det wer­den kön­nen (Pro­blem der Quer­sub­ven­tio­nie­rung).

Die in den Poli­cen­be­din­gun­gen ent­hal­te­nen Rege­lun­gen zur “Markt­preis­an­pas­sung” hat der Senat für unwirk­sam erach­tet, weil sie gegen das Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB ver­sto­ßen.

In drei wei­te­ren ähn­lich gela­ger­ten Fäl­len hat der Senat die Beru­fungs­ur­tei­le eben­falls mit ent­spre­chen­den Begrün­dun­gen auf­ge­ho­ben und die Sachen zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an die Beru­fungs­ge­rich­te zurück­ver­wie­sen.

Kroll riet, dies zu beach­ten und in allen Zwei­fels­fra­gen Rechts­rat ein­zu­ho­len, wobei er dazu u. a. auch auf die ent­spre­chend spe­zia­li­sier­ten Anwäl­te und Anwäl­tin­nen in der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de – ver­wies.

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Mat­thi­as W. Kroll, LL.M.
Rechtsanwalt/Master of Insuran­ce Law
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