(Kiel) Der Bun­des­ge­richts­hof hat am 15.12.2009 ent­schie­den, dass die wegen Mor­des an dem Schau­spie­ler Wal­ter Sedl­mayr Ver­ur­teil­ten von Deutsch­land­ra­dio nicht ver­lan­gen kön­nen, es zu unter­las­sen, in dem für Alt­mel­dun­gen vor­ge­se­he­nen Teil des Inter­net­auf­tritts „www.dradio.de“ Mit­schrif­ten nicht mehr aktu­el­ler Rund­funk­bei­trä­ge wei­ter­hin zum Abruf bereit­zu­hal­ten, in denen im Zusam­men­hang mit dem Mord an Wal­ter Sedl­mayr der Name der Ver­ur­teil­ten genannt wird.

Dar­auf ver­weist die Ham­bur­ger Fach­an­wäl­tin für Urhe­ber- und Medi­en­recht Karin Scheel-Pötzl von der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. mit Sitz in Kiel unter Hin­weis auf die Urtei­le des Bun­des­ge­richts­hof (BGH) vom 15. Dezem­ber 2009, Az.: VI ZR 227/08 und VI ZR 228/08.


Die Klä­ger wur­den im Jahr 1993 wegen Mor­des an dem Schau­spie­ler Wal­ter Sedl­mayr zu einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt. Im Som­mer 2007 bzw. Janu­ar 2008 wur­den sie auf Bewäh­rung ent­las­sen. Sie ver­lan­gen von der Beklag­ten, die als Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts einen Rund­funk­sen­der und ein Inter­net­por­tal betreibt, es zu unter­las­sen, über sie im Zusam­men­hang mit der Tat unter vol­ler Namens­nen­nung zu berich­ten. Die Beklag­te hielt auf ihrer Inter­net­sei­te in der Rubrik “Kalen­der­blatt” jeden­falls bis ins Jahr 2007 die Mit­schrift eines auf den 14. Juli 2000 datier­ten Bei­trags mit dem Titel “Vor 10 Jah­ren Wal­ter Sedl­mayr ermor­det” zum frei­en Abruf durch die Öffent­lich­keit bereit. Dar­in hieß es unter Nen­nung des Vor- und Zuna­mens der Klä­ger wahr­heits­ge­mäß u. a., Sedl­mayrs Kom­pa­gnon W. und des­sen Bru­der L. sei­en 1993 nach einem sechs­mo­na­ti­gen Indi­zi­en­pro­zess zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teilt wor­den. Die bei­den beteu­er­ten bis heu­te ihre Unschuld und sei­en erst in die­sem Jahr vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit der For­de­rung geschei­tert, den Pro­zess wie­der­auf­zu­rol­len.


Die Kla­ge hat­te in den Vor­in­stan­zen Erfolg. Auf die Revi­si­on der Beklag­ten hat der u. a. für den Schutz des All­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts zustän­di­ge VI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs die Urtei­le der Vor­in­stan­zen auf­ge­ho­ben und die Kla­gen abge­wie­sen, betont Scheel-Pötzl.


Zwar liegt in dem Bereit­hal­ten der die Klä­ger iden­ti­fi­zie­ren­den Mel­dung zum Abruf im Inter­net ein Ein­griff in deren all­ge­mei­nes Per­sön­lich­keits­recht. Der Ein­griff ist aber nicht rechts­wid­rig, da im Streit­fall das Schutz­in­ter­es­se der Klä­ger hin­ter dem von der Beklag­ten ver­folg­ten Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit und ihrem Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung zurück­zu­tre­ten hat. Die bean­stan­de­te Mel­dung beein­träch­tigt das Per­sön­lich­keits­recht der Klä­ger ein­schließ­lich ihres Reso­zia­li­sie­rungs­in­ter­es­ses unter den beson­de­ren Umstän­den des Streit­falls nicht in erheb­li­cher Wei­se. Sie ist ins­be­son­de­re nicht geeig­net, die Klä­ger “ewig an den Pran­ger” zu stel­len oder in einer Wei­se “an das Licht der Öffent­lich­keit zu zer­ren”, die sie als Straf­tä­ter (wie­der) neu stig­ma­ti­sie­ren könn­te. Sie ent­hält sach­lich abge­fass­te, wahr­heits­ge­mä­ße Aus­sa­gen über ein Kapi­tal­ver­bre­chen an einem bekann­ten Schau­spie­ler, das erheb­li­ches öffent­li­ches Auf­se­hen erregt hat­te.


Ange­sichts der Schwe­re des Ver­bre­chens, der Bekannt­heit des Opfers, des erheb­li­chen Auf­se­hens, das die Tat in der Öffent­lich­keit erregt hat­te und des Umstands, dass sich die Ver­ur­teil­ten bis weit über das Jahr 2000 hin­aus um die Auf­he­bung ihrer Ver­ur­tei­lung bemüht hat­ten, war die Mit­tei­lung zum Zeit­punkt ihrer Ein­stel­lung in den Inter­net­auf­tritt der Beklag­ten zuläs­sig. Hier­an hat sich trotz der zwi­schen­zeit­lich erfolg­ten Ent­las­sung der Klä­ger aus der Haft nichts geän­dert. Der Mel­dung kam nur eine gerin­ge Brei­ten­wir­kung zu. Sie war nur auf den für Alt­mel­dun­gen vor­ge­se­he­nen Sei­ten des Inter­net­auf­tritts der Beklag­ten zugäng­lich, aus­drück­lich als Alt­mel­dung gekenn­zeich­net und nur durch geziel­te Suche auf­find­bar. Zu berück­sich­ti­gen war dar­über hin­aus, dass ein aner­ken­nens­wer­tes Inter­es­se der Öffent­lich­keit nicht nur an der Infor­ma­ti­on über das aktu­el­le Zeit­ge­sche­hen, son­dern auch an der Mög­lich­keit besteht, ver­gan­ge­ne zeit­ge­schicht­li­che Ereig­nis­se zu recher­chie­ren. Das von den Klä­gern begehr­te Ver­bot hät­te einen abschre­cken­den Effekt auf den Gebrauch der Mei­nungs- und Medi­en­frei­heit, der den frei­en Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess ein­schnü­ren wür­de. Wür­de auch das wei­te­re Bereit­hal­ten aus­drück­lich als sol­cher gekenn­zeich­ne­ter und im Zeit­punkt der Ein­stel­lung zuläs­si­ger Alt­mel­dun­gen auf dafür vor­ge­se­he­nen Sei­ten zum Abruf im Inter­net nach Ablauf einer gewis­sen Zeit oder nach Ver­än­de­rung der zugrun­de lie­gen­den Umstän­de ohne wei­te­res unzu­läs­sig und wäre die Beklag­te ver­pflich­tet, von sich aus sämt­li­che archi­vier­ten Hör­funk­bei­trä­ge immer wie­der auf ihre Recht­mä­ßig­keit zu kon­trol­lie­ren, wür­de die Mei­nungs- und Medi­en­frei­heit in unzu­läs­si­ger Wei­se ein­ge­schränkt. Ange­sichts des mit einer der­ar­ti­gen Kon­trol­le ver­bun­de­nen per­so­nel­len und zeit­li­chen Auf­wands bestün­de die Gefahr, dass die Beklag­te ent­we­der ganz von einer der Öffent­lich­keit zugäng­li­chen Archi­vie­rung abse­hen oder bereits bei der erst­ma­li­gen Sen­dung die Umstän­de aus­klam­mern wür­de, die  wie vor­lie­gend der Name des Straf­tä­ters  die Mit­schrift der Sen­dung spä­ter rechts­wid­rig wer­den las­sen könn­ten, an deren Mit­tei­lung die Öffent­lich­keit aber im Zeit­punkt der erst­ma­li­gen Bericht­erstat­tung ein schüt­zens­wer­tes Inter­es­se hat.


Scheel-Pötzl emp­fahl, das Urteil zu beach­ten und bei ähn­li­chen Fäl­len auf jeden Fall Rechts­rat ein­zu­ho­len und ver­wies in die­sem Zusam­men­hang u. a. auch auf die DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de  -


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