(Kiel) Auch wenn ein selb­st­be­wusst und sachkundig auftre­tender Patient eine laien­hafte Eigen­di­ag­nose stellt, muss ein Arzt diese kri­tisch betra­cht­en und den Patien­ten sorgfältig und medi­zinisch umfassend befra­gen. Wird auf­grund ein­er unzure­ichen­den Anam­nese die son­st zweifels­frei erforder­liche Hinzuziehung eines anderen Facharztes unter­lassen, haftet der erst­be­han­del­nde Arzt den Hin­terbliebe­nen auf Schadenser­satz.

Darauf ver­weist der Stuttgarter Recht­san­walt Alexan­der Rilling von der DASV Deutsche Anwalts- und Steuer­ber­ater­vere­ini­gung für die mit­tel­ständis­che Wirtschaft e. V. mit Sitz in Kiel unter Hin­weis auf die Mit­teilung des Ober­lan­des­gerichts (OLG) Koblenz vom 13.04.2012 zu seinem Beschluss vom 30. Jan­u­ar 2012, Az.:5 U 857/11. Damit hat das OLG – wie zuvor auch das Landgericht Mainz – der Klage der Ehe­frau und der bei­den Kinder des Patien­ten auf Schadenser­satz dem Grunde nach stattgegeben.

An einem Nach­mit­tag im Mai 2007 in Mainz wurde der 36-jährige Vater und Ehe­mann der Kläger, selb­st Ret­tungssan­itäter von Beruf, von zwei Kol­le­gen gegen 16:00 Uhr mit dem Kranken­wa­gen zum beklagten Arzt, einem Orthopä­den, gebracht. Dort berichtete der Patient von außergewöhn­lich starken Schmerzen in der linken Kör­per­seite und äußerte den Ver­dacht, Ursache der Schmerzen sei eine Ein­klem­mung eines Nervs im Bere­ich der Hal­swirbel­säule. Der sehr selb­st­be­wusst und sachkundig auftre­tende Patient erwäh­nte zudem, das Ganze sei bere­its internistisch abgek­lärt wor­den. Damit meinte er allerd­ings eine im Vor­jahr erfol­gte internistis­che Befun­der­he­bung, während der Beklagte davon aus­ging, die internistis­che Unter­suchung sei am sel­ben Tage erfol­gt.

Der Beklagte diag­nos­tizierte eine Quer­wirbel­block­ade und eine Muskelverspan­nung und entließ den Patien­ten gegen 16.40 Uhr nach Hause. Gegen 18.00 Uhr fand ihn seine Ehe­frau im Bad bewusst­los auf dem Boden liegend. Der her­beigerufene Notarzt stellte nach verge­blichen Wieder­bele­bungsver­suchen gegen 19.00 Uhr den Tod fest. Todesursäch­lich war ein akuter voll­ständi­ger Ver­schluss der recht­en Herzkran­zarterie.

Das Landgericht Mainz stellte eine Haf­tung des beklagten Orthopä­den für sämtliche materiellen und imma­teriellen Schä­den der Hin­terbliebe­nen fest. Die unterbliebene internistis­che Abklärung trotz vorhan­den­er Leit­symp­tome eines Herz­in­fark­tes sei ein grober Behand­lungs­fehler. Mit sein­er Beru­fung erstrebte der verurteilte Arzt die Abweisung der Klage. Auf­grund der irreführen­den Angaben des Patien­ten sei er lediglich verpflichtet gewe­sen, eine Unter­suchung auf seinem orthopädis­chen Fachge­bi­et vorzunehmen.

Der 5. Zivilse­n­at des Ober­lan­des­gerichts Koblenz bestätigte die Entschei­dung des Landgerichts, so Rilling.

Ein Arzt sei unab­hängig von seinem Fachge­bi­et gegenüber dem Patien­ten verpflichtet, alles zur Erforschung und Behe­bung ein­er Erkrankung Erforder­liche zu unternehmen. Jed­er Arzt müsse laien­hafte „Diag­nosen” mit kri­tis­ch­er Dis­tanz aufnehmen, um dann eigen­ver­ant­wortlich sämtliche objek­tive Befunde zu erheben. Dem­nach sei der Beklagte verpflichtet gewe­sen, das erst­ma­lige Auftreten und die Entwick­lung der geschilderten Schmerzen genauer zu erfra­gen. Wäre er dieser Verpflich­tung nachgekom­men, hätte sich zweifels­frei ergeben, dass die Schmerzen erst vor ein­er Stunde aufge­treten waren und eine vorherige internistis­che Abklärung am sel­ben Tage nicht erfol­gt sein kon­nte. Es wäre klar gewe­sen, dass die Symp­tome ergänzend durch einen Internisten hät­ten abgek­lärt wer­den müssen. Diese Unter­suchung hätte einen infark­tbe­d­ingten Unter­gang der Herzbeutel­musku­latur zu Tage gefördert und die daran anknüpfende unverzügliche kar­di­ol­o­gis­che und internistis­che Kris­en­in­ter­ven­tion hätte das Leben des Patien­ten mit hoher Wahrschein­lichkeit gerettet.

Wegen der Beson­der­heit­en des Fall­es sah der 5. Zivilse­n­at hierin zwar keinen groben Behand­lungs­fehler, dem Beklagten sei doch ein eben­falls zur Beweis­las­tumkehr führen­der Befun­der­he­bungs­man­gel anzu­las­ten. In der Folge seien das Zahlungsver­lan­gen der Klägerin­nen sowie der Anspruch auf Ersatz des kün­fti­gen Unter­haltss­chadens dem Grunde nach gerecht­fer­tigt. Über die Höhe ist im weit­eren Ver­lauf des Ver­fahrens vor dem Landgericht Mainz zu befind­en. Die Entschei­dung ist noch nicht recht­skräftig, da der Beklagte Nichtzu­las­sungs­beschw­erde beim Bun­des­gericht­shof ein­gelegt hat.

Im par­al­lel geführten Strafver­fahren wegen fahrläs­siger Tötung ist gegen den Beklagten wegen ver­säumter Abklärung des internistis­chen Befun­des durch recht­skräfti­gen Straf­be­fehl auf eine Geld­strafe von 90 Tagessätzen erkan­nt wor­den.

Rilling riet, das Urteil und ggfs. den Fort­gang zu beacht­en und und bei ähn­lichen Fällen auf jeden Fall Recht­srat einzu­holen und ver­wies in diesem Zusam­men­hang u. a. auch auf die DASV Deutsche Anwalts- und Steuer­ber­ater­vere­ini­gung für die mit­tel­ständis­che Wirtschaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de -

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