(Kiel) Der Bun­des­ge­richts­hof hat am 16. Juni 2010 ent­schie­den, dass ein Gas­tro­no­mie-Ver­si­che­rer nicht für Van­da­lis­mus­schä­den im ver­si­cher­ten Lokal auf­kom­men muss, nach­dem dem Gast­wirt die Zer­stö­rung sei­nes Lokals zuvor von einem so genann­ten Schutz­geld­erpres­ser mehr­fach ange­droht und dies dem Ver­si­che­rer nicht als Gefah­rerhö­hung ange­zeigt wor­den war.

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Rechts­an­walt Jens Klar­mann, Lan­des­re­gio­nal­lei­ter „Schles­wig-Hol­stein“ der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. mit Sitz in Kiel, unter Hin­weis auf das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) vom 16. Juni 2010 — IV ZR 229/09.

Der Klä­ger, frü­her Inha­ber einer Gast­stät­te, for­der­te Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen aus einer seit Sep­tem­ber 2005 bei der Beklag­ten gehal­te­nen Gas­tro­no­mie-Ver­si­che­rung, wel­che Ver­si­che­rungs­schutz auch für Sach­schä­den durch Ein­bruch­dieb­stahl, Van­da­lis­mus und Berau­bung gewährt. Begin­nend im Spät­som­mer 2006 war dem Klä­ger in meh­re­ren anony­men Anru­fen “Schutz und Ver­si­che­rung” ange­bo­ten wor­den, “weil immer etwas pas­sie­ren kön­ne”. Spä­ter hat­te der Anru­fer für den ange­bo­te­nen “Schutz” monat­li­che Zah­lun­gen von 750 € ver­langt und den Klä­ger auf­ge­for­dert, sich weder an die Poli­zei noch an ande­re Per­so­nen zu wen­den.

Am 9. März 2007 waren erst­mals Unbe­kann­te in das Lokal ein­ge­bro­chen und hat­ten Bar­geld und tech­ni­sche Gerä­te ent­wen­det. Bei der Scha­dens­re­gu­lie­rung durch die Beklag­te hat­te der Klä­ger die vor­an­ge­gan­ge­nen Erpres­sungs­ver­su­che ver­schwie­gen. Unter aus­drück­li­chem Hin­weis auf den Ein­bruch, fer­ner beglei­tet von wei­te­ren Dro­hun­gen gegen den Klä­ger und sei­ne Fami­lie hat­te der unbe­kann­te Anru­fer kurz dar­auf sein Zah­lungs­ver­lan­gen mehr­fach ver­geb­lich wie­der­holt. Am 21. April 2007 war das Auto des Klä­gers erheb­lich beschä­digt, schließ­lich in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 2007 erneut die Gast­stät­te von Ein­bre­chern heim­ge­sucht wor­den. Sie hat­ten dies­mal – ver­mut­lich mit einer Axt – wesent­li­che Tei­le der Innen­ein­rich­tung zer­stört und eine gro­ße Men­ge schwar­zer Lack­far­be im Lokal ver­sprüht. Nach der Behaup­tung des Klä­gers waren außer­dem Bar­geld und eine Musik­an­la­ge ent­wen­det wor­den. Der Klä­ger bezif­fer­te die­sen Scha­den auf ins­ge­samt knapp 150.000 €.

Nach­dem er bei der neu­en Scha­dens­mel­dung Mit­ar­bei­tern des Ver­si­che­rers erst­mals auch die vor­an­ge­gan­ge­nen Erpres­sungs­ver­su­che geschil­dert hat­te, hat­te der Ver­si­che­rer den Ver­si­che­rungs­ver­trag gekün­digt und außer­dem die bean­trag­te Ver­si­che­rungs­leis­tung abge­lehnt, weil ihm die für das ver­si­cher­te Lokal ein­ge­tre­te­ne Gefah­rerhö­hung nicht recht­zei­tig ange­zeigt wor­den war.

Die Vor­in­stan­zen hat­ten die Kla­ge auf Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen abge­wie­sen. Die dage­gen gerich­te­te Revi­si­on hat­te kei­nen Erfolg, so Klar­mann.

Der Klä­ger hat gel­tend gemacht: Wenn ein Sach­ver­si­che­rer Schutz gegen vor­sätz­li­che Van­da­lis­mus­schä­den ver­spre­che, stel­le es kei­ne anzei­ge­pflich­ti­ge Gefah­rerhö­hung für die ver­si­cher­te Sache dar, dass ein Täter einen sol­chen Schä­di­gungs­vor­satz kon­kret fas­se und die­sen – wie im Fall der Schutz­geld­erpres­sung – auch kund­ge­be. Im Übri­gen wer­de er als Ver­si­che­rungs­neh­mer unan­ge­mes­sen benach­tei­ligt, wenn er im Fal­le einer Schutz­geld­erpres­sung von der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft allein gelas­sen und mit­hin der kri­mi­nel­len Dro­hung schutz­los aus­ge­lie­fert wer­de.

Dem ist der für das Ver­si­che­rungs­ver­trags­recht zustän­di­ge IV. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs mit den nach­fol­gen­den Erwä­gun­gen ent­ge­gen­ge­tre­ten:

Durch die Bestim­mun­gen der §§ 23 ff. VVG a. F. über die Gefah­rerhö­hung soll das bei Abschluss des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges zugrun­de geleg­te Gleich­ge­wicht zwi­schen Prä­mi­en­auf­kom­men und Ver­si­che­rungs­leis­tung erhal­ten blei­ben. Die Annah­me einer die Risi­ko­la­ge maß­geb­lich ver­än­dern­den Gefah­rerhö­hung setzt vor­aus, dass der neue Zustand erhöh­ter Gefahr min­des­tens von einer sol­chen Dau­er sein muss, dass er die Grund­la­ge eines neu­en natür­li­chen Gefah­ren­ver­laufs bil­den kann und so den Ein­tritt des Ver­si­che­rungs­falls zu för­dern geeig­net ist. Der erst nach Abschluss des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges mit­tels anony­mer Anru­fe kund­ge­ge­be­ne, über meh­re­re Mona­te ver­folg­te Ent­schluss unbe­kann­ter Täter, den Klä­ger mit­tels Andro­hung (unter ande­rem) von Ein­bruchs­dieb­stäh­len und schwer­wie­gen­den Sach­be­schä­di­gun­gen zu Schutz­geld­zah­lun­gen zu nöti­gen und die­sem Ver­lan­gen auch durch wie­der­hol­te Anschlä­ge auf die ver­si­cher­te Gast­stät­te Nach­druck zu ver­lei­hen, hat­te hier die Gefahr des Ein­tritts von Ein­bruchs- und Van­da­lis­mus­schä­den dau­er­haft erhöht.

Der Klä­ger muss­te die­se Gefah­rerhö­hung gemäß § 27 Abs. 2 VVG a. F. der Beklag­ten auch anzei­gen. Eine mit­ver­si­cher­te und damit im Sin­ne des § 29 VVG a. F. uner­heb­li­che, nicht anzei­ge­pflich­ti­ge Gefah­rerhö­hung lag hier nicht vor. Die ein­ge­tre­te­ne objek­ti­ve Gefah­rerhö­hung wäre dem Ver­si­che­rer viel­mehr anzu­zei­gen gewe­sen, nach­dem das Lokal nach vor­an­ge­gan­ge­nen Dro­hun­gen erst­mals am 9. März 2007 von Ein­bre­chern heim­ge­sucht wor­den war und der anony­me Anru­fer zwei Tage spä­ter unter aus­drück­li­cher Bezug­nah­me auf die­sen ers­ten Vor­fall sei­ne Dro­hun­gen fort­ge­setzt hat­te. Denn spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt hat­te der Klä­ger siche­re Kennt­nis davon, dass eine ernst­haf­te Bedro­hung für die ver­si­cher­te Sache vor­lag, die auf eine wie­der­hol­te, sich von Mal zu Mal stei­gern­de Schä­di­gung des Lokals ziel­te und jeden­falls des­halb eine erheb­li­che, nicht mehr “mit­ver­si­cher­te” Gefah­rerhö­hung im Sin­ne des § 29 VVG a. F. dar­stell­te.

Für eine anders­lau­ten­de — von der Revi­si­on gefor­der­te — wer­ten­de Betrach­tung, der­zu­fol­ge der Ver­si­che­rer die Gefah­rerhö­hung aus kri­mi­nal­po­li­ti­schen Grün­den hin­zu­neh­men hät­te, geben die §§ 23 ff. VVG a. F. nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs kei­nen Raum. Sie ist auch nicht aus Treu und Glau­ben gebo­ten. Ob eine unge­woll­te Gefah­rerhö­hung im Sin­ne von § 27 Abs. 1 VVG a. F. vor­liegt, bestimmt sich allein anhand objek­ti­ver Umstän­de. Ent­spre­chen­des gilt für die Fra­ge der Erheb­lich­keit der Gefah­rerhö­hung und ihrer Anzei­ge­pflicht. Dass die Erhö­hung der Gefahr hier die Fol­ge kri­mi­nel­len Ver­hal­tens Drit­ter war und dem Ver­si­che­rungs­neh­mer als Tat­op­fer eines Erpres­sungs­ver­suchs wenig Hand­lungs­spiel­raum ver­blieb, der Gefah­rerhö­hung Erfolg ver­spre­chend zu begeg­nen, muss sich der Ver­si­che­rer, der sei­ner­seits kei­ne Ver­ant­wor­tung für die ver­än­der­te Sach­la­ge trägt, nicht ent­ge­gen­hal­ten las­sen.

Die Ent­schei­dung war nach dem Ver­si­che­rungs­ver­trags­ge­setz (VVG) in des­sen frü­he­rer, bis zum 31. Dezem­ber 2007 gel­ten­den Fas­sung (a. F.) zu tref­fen.

Klar­mann emp­fahl, dies zu beach­ten und ggfs. recht­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auch auf die DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de – ver­wies.

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