(Kiel)  Die Pflicht zur Beglei­chung der Steu­er­schuld der GmbH im Zeit­punkt ihrer Fäl­lig­keit ist dem Geschäfts­füh­rer nach § 34 Abs. 1 AO, § 41a EStG nicht allein zur Ver­mei­dung eines durch eine ver­spä­te­te Zah­lung ein­tre­ten­den Zins­aus­falls auf­er­legt, son­dern soll auch die Erfül­lung der Steu­er­schuld nach den recht­li­chen und wirt­schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten zum Zeit­punkt ihrer Fäl­lig­keit sicher­stel­len.

Dar­auf ver­weist der Nürn­ber­ger Steu­er­fach­an­walt Dr. Nor­bert Gie­se­ler, Vize­prä­si­dent der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. mit Sitz in Kiel, mit Hin­blick auf ein am 25.02.2009 ver­öf­fent­lich­tes Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs (AZ.: VII R 19/08). In dem aus­ge­ur­teil­ten Fall war der Klä­ger allei­ni­ger Geschäfts­füh­rer einer GmbH. Er reich­te die Lohn­steu­er­an­mel­dun­gen für die GmbH für den Zeit­raum April bis Juni 2003 frist­ge­recht beim Finanz­amt ein. Die ange­mel­de­te Steu­er­schuld wur­de durch Zah­lung an den Voll­zie­hungs­be­am­ten des FA am 19. Sep­tem­ber 2003 begli­chen.


Wegen ande­rer Steu­er­schul­den bean­trag­te das Finanz­amt am 22. Okto­ber 2003 die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen der GmbH. Das Insol­venz­ver­fah­ren wur­de mit Beschluss des Amts­ge­richts vom 16. Janu­ar 2004 eröff­net.


Die Zah­lung an den Voll­zie­hungs­be­am­ten focht die Insol­venz­ver­wal­te­rin nach § 131 Abs. 1 der Insol­venz­ord­nung (InsO) an. Dar­auf­hin erstat­te­te das Finanz­amt  die­sen Betrag an die Insol­venz­mas­se. Wegen der dem­zu­fol­ge wie­der offe­nen Steu­er­schul­den aus den Lohn­steu­er­an­mel­dun­gen April bis Juni 2003 sowie der Säum­nis­zu­schlä­ge hier­zu nahm das Finanz­amt den Klä­ger mit Haf­tungs­be­scheid vom 7. April 2005 in Anspruch. Das Finanz­ge­richt (FG) gab der nach erfolg­lo­sem Ein­spruchs­ver­fah­ren erho­be­nen Kla­ge statt.


Mit sei­ner Revi­si­on rüg­te das Finanz­amt  die Ver­let­zung von Bun­des­recht, näm­lich von § 69 der Abga­ben­ord­nung (AO). Der Klä­ger habe die ihm als Geschäfts­füh­rer oblie­gen­den steu­er­li­chen Pflich­ten dadurch ver­letzt, dass er die Lohn­steu­er nicht zu den gesetz­li­chen Fäl­lig­keits­zeit­punk­ten abge­führt habe. Die­se Pflicht­ver­let­zung sei nach der inso­weit maß­geb­li­chen Adäquanz­theo­rie auch kau­sal für den Steu­er­aus­fall gewe­sen. Weder der Insol­venz­an­trag des FA noch die Anfech­tung des Insol­venz­ver­wal­ters hät­ten nach der all­ge­mei­nen Lebens­er­fah­rung außer­halb der Wahr­schein­lich­keit gele­gen. Der Geschäfts­füh­rer einer zah­lungs­un­fä­hi­gen GmbH müs­se jeder­zeit damit rech­nen, dass ein Gläu­bi­ger “von der Antrags­mög­lich­keit des § 17 InsO” Gebrauch mache.


Die­ser Auf­fa­sung so Gie­se­ler, schloss sich nun auch der BFH an und hielt die Revi­si­on für  begrün­det. Das ange­foch­te­ne Urteil ver­let­ze Bun­des­recht.
Als Geschäfts­füh­rer hat­te der Klä­ger in sei­ner Eigen­schaft als gesetz­li­cher Ver­tre­ter der GmbH i.S. von § 34 Abs. 1 AO die Pflicht zur Ein­be­hal­tung und frist­ge­rech­ten Abfüh­rung der im Haf­tungs­zeit­raum von der GmbH ange­mel­de­ten Lohn­steu­er­ab­zugs­be­trä­ge. Nach den für den Senat bin­den­den Fest­stel­lun­gen des FG habe der Klä­ger für die Mona­te April bis Juni 2003 zwar frist­ge­recht Lohn­steu­er­an­mel­dun­gen abge­ge­ben, zum jewei­li­gen Fäl­lig­keits­zeit­punkt aber die ange­mel­de­ten Beträ­ge nicht ent­rich­tet. Die in der nicht frist­ge­rech­ten Ent­rich­tung lie­gen­de objek­ti­ve Pflicht­wid­rig­keit indi­zie­re den gegen­über dem Klä­ger zu erhe­ben­den Schuld­vor­wurf. Die­se schuld­haf­te Pflicht­ver­let­zung des Klä­gers sei  auch kau­sal für den Ein­tritt des Ver­mö­gens­scha­dens beim Fis­kus.


Es ent­spre­che stän­di­ger Senats­recht­spre­chung, dass sich die erfor­der­li­che Kau­sa­li­tät zwi­schen der Pflicht­ver­let­zung und dem mit der Haf­tung gel­tend gemach­ten Scha­den wegen des Scha­dens­er­satz­cha­rak­ters der Haf­tung nach § 69 AO wie bei zivil­recht­li­chen Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen nach der Adäquanz­theo­rie rich­te. Danach sind sol­che Pflicht­ver­let­zun­gen für den Erfolg ursäch­lich, die all­ge­mein oder erfah­rungs­ge­mäß geeig­net sind, den Erfolg zu ver­ur­sa­chen. Sofern — wie im Streit­fall — ein Unter­las­sen in Betracht kommt, muss, um die Ursäch­lich­keit beja­hen zu kön­nen, ein Hin­zu­den­ken der unter­blie­be­nen Hand­lung zu dem Ergeb­nis füh­ren, dass der Scha­den ohne das Unter­las­sen nicht ein­ge­tre­ten wäre; die blo­ße Mög­lich­keit oder eine gewis­se Wahr­schein­lich­keit des Nicht­ein­tritts des Erfolgs genü­gen dazu nicht. Hät­te der Klä­ger die ange­mel­de­ten Lohn­steu­ern bis spä­tes­tens zum Fäl­lig­keits­zeit­punkt der Lohn­steu­er für Juni 2003 (nach den unbe­strit­te­nen Anga­ben des FA am 15. Juli 2003) gezahlt, wäre es nicht zu dem Steu­er­aus­fall beim Fis­kus gekom­men, denn der Drei­mo­nats­zeit­raum vor dem Antrag auf Insol­venz­eröff­nung, in dem nach § 130 Abs. 1 InsO Zah­lun­gen des Schuld­ners anfecht­bar sind (Anfech­tungs­zeit­raum), begann erst am 22. Juli 2003.


Die erfolg­rei­che Insol­venz­an­fech­tung einer erst nach Fäl­lig­keit abge­führ­ten Lohn­steu­er unter­bre­che den Kau­sal­ver­lauf zwi­schen Pflicht­ver­let­zung und Scha­dens­ein­tritt jeden­falls dann nicht, wenn der Fäl­lig­keits­zeit­punkt vor dem Beginn der Anfech­tungs­frist lag. Der Zurech­nungs­zu­sam­men­hang zwi­schen einer pflicht­wid­rig ver­spä­te­ten Lohn­steu­er­zah­lung und dem ein­ge­tre­te­nen Scha­den (Steu­er­aus­fall) erge­be sich dar­aus, dass die­ser Scha­den vom Schutz­zweck der ver­letz­ten Pflicht zur frist­ge­mä­ßen Lohn­steu­er­ab­füh­rung erfasst wer­de.


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