(Kiel)  Der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) hat­te am 19.10.2009 über die Treue­pflich­ten für die Gesell­schaf­ter eines Immo­bi­li­en­fonds in Sanie­rungs­fäl­len zu ent­schei­den.

Dar­auf ver­weist der Nürn­ber­ger Steu­er­fach­an­walt Dr. Nor­bert  Gie­se­ler, Vize­prä­si­dent der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. mit Sitz in Kiel, unter Hin­weis auf das Urteil des  Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) vom 19. Okto­ber 2009 – Az.: II ZR 240 /08.


Die Klä­ge­rin, ein geschlos­se­ner Immo­bi­li­en­fonds in Form einer GmbH & Co OHG, ist wie eine Viel­zahl der­ar­ti­ger Fonds in Ber­lin wegen des Fort­falls von För­der­mit­teln und der Situa­ti­on auf dem Ber­li­ner Miet­markt in finan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten gera­ten. Ein im Jah­re 2002 ein­ge­hol­tes Sanie­rungs­gut­ach­ten beschei­nig­te der Klä­ge­rin jedoch ihre grund­sätz­li­che Sanie­rungs­fä­hig­keit. Für die dazu mit den Gläu­bi­ger­ban­ken zu schlie­ßen­de Sanie­rungs­ver­ein­ba­rung war auf Sei­ten der Klä­ge­rin u.a. erfor­der­lich, dass ihre Gesell­schaf­ter neu­es Kapi­tal auf­brach­ten.


Zwecks Umset­zung der Sanie­rungs­plä­ne beschloss die Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung der Klä­ge­rin im Okto­ber 2002 mit der nach dem Gesell­schafts­ver­trag erfor­der­li­chen ¾ Mehr­heit der Stim­men eine Kapi­tal­her­ab­set­zung um 99,9% und gleich­zei­tig die Erhö­hung des Eigen­ka­pi­tals um ca. 4,6 Mio. Euro. Die Über­nah­me des Neu­ka­pi­tals war den Gesell­schaf­tern frei­ge­stellt. Aller­dings hat­te eine gleich­zei­tig beschlos­se­ne Ände­rung des Gesell­schafts­ver­tra­ges zur Fol­ge, dass die­je­ni­gen Gesell­schaf­ter, die sich nicht bis zum 31. Dezem­ber 2003 ver­bind­lich an der Kapi­tal­erhö­hung betei­lig­ten, zu die­sem Stich­tag aus der Gesell­schaft aus­schie­den, ohne dass es einer wei­te­ren Erklä­rung der Gesell­schaft bedurf­te. Zwei der vier Beklag­ten stimm­ten für die­se Ände­run­gen des Gesell­schafts­ver­tra­ges, die bei­den ande­ren stimm­ten nicht zu.


Kei­ner der vier Beklag­ten hat sich bis zum Stich­tag an der Kapi­tal­erhö­hung betei­ligt. Die Klä­ge­rin meint, die Beklag­ten sei­en Ende 2003 als Gesell­schaf­ter aus­ge­schie­den und ver­langt von ihnen Zah­lung des auf die­sen Stich­tag ermit­tel­ten, ihrer jewei­li­gen Betei­li­gung am Gesell­schafts­ver­mö­gen ent­spre­chen­den sog. nega­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­bens, also Beglei­chung des auf sie jeweils ent­fal­len­den Ver­lust­an­teils. Die Kla­ge war in bei­den Instan­zen erfolg­los, da nach Ansicht von Land- und Kam­mer­ge­richt die Beklag­ten wei­ter­hin Gesell­schaf­ter der Klä­ge­rin sind. Das Beru­fungs­ge­richt hat im wesent­li­chen die Ansicht ver­tre­ten, der Gesell­schaf­ter­be­schluss über das Aus­schei­den im Fal­le der Wei­ge­rung, sich durch Zufüh­rung neu­en Kapi­tals an der Sanie­rung zu betei­li­gen, sei unwirk­sam. Es han­de­le sich bei der Ände­rung des Gesell­schafts­ver­tra­ges um eine “mit­tel­ba­re Nach­schuss­ver­pflich­tung”, die zu ihrer Wirk­sam­keit nach § 707 BGB der Zustim­mung aller Gesell­schaf­ter der Klä­ge­rin bedurft hät­te. Da es dar­an feh­le, sei­en auch die bei­den Beklag­ten, die zuge­stimmt hät­ten, nicht an den Beschluss gebun­den.


Auf die — von ihm zuge­las­se­ne — Revi­si­on der Klä­ge­rin hat der II. Zivil­se­nat das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen, betont Gie­se­ler.


Der Senat hat ent­schie­den, dass die bei­den Beklag­ten, die den Gesell­schaf­ter­be­schlüs­sen zuge­stimmt haben, an ihre Zustim­mung gebun­den sind mit der Fol­ge, dass die Beschlüs­se ihnen gegen­über wirk­sam sind. Denn es war weder vor­ge­tra­gen noch sonst ersicht­lich, dass die­se Beklag­ten ihre Zustim­mung davon abhän­gig gemacht haben, dass sämt­li­che Gesell­schaf­ter der Klä­ge­rin den Ände­run­gen des Gesell­schafts­ver­tra­ges zustim­men.


Aber auch gegen­über den bei­den ande­ren Beklag­ten geht die Klä­ge­rin zu Recht von der Wirk­sam­keit des Beschlus­ses mit der Fol­ge des Aus­schei­dens aus der Gesell­schaft aus, weil bei­de Beklag­ten in der hier vor­lie­gen­den Sanie­rungs­si­tua­ti­on aus gesell­schafter­li­cher Treue­pflicht zur Zustim­mung zu der Rege­lung über das Aus­schei­den als Gesell­schaf­ter im Fal­le der Nicht­teil­nah­me an der Kapi­tal­erhö­hung ver­pflich­tet waren. Zwar kann grund­sätz­lich kein Gesell­schaf­ter, der sei­nen nach dem Gesell­schafts­ver­trag geschul­de­ten Bei­trag geleis­tet hat, — wie der II. Zivil­se­nat in stän­di­ger Recht­spre­chung ent­schei­det — gegen sei­nen Wil­len zu wei­te­ren finan­zi­el­len Bei­trä­gen zum Errei­chen des Gesell­schafts­zwecks gezwun­gen wer­den. Dies gilt ins­be­son­de­re in Sanie­rungs­si­tua­tio­nen, die stets die Gefahr des Schei­terns und damit des Ver­lus­tes des neu zuge­führ­ten Kapi­tals ber­gen. Ande­rer­seits ist es den Gesell­schaf­tern, die die Chan­ce einer Sanie­rung ergrei­fen wol­len und des­halb bereit sind, der Gesell­schaft wei­te­re finan­zi­el­le Mit­tel zur Ver­fü­gung zu stel­len, nicht not­wen­di­ger­wei­se zuzu­mu­ten, den erhoff­ten künf­ti­gen Sanie­rungs­er­folg mit den Gesell­schaf­tern tei­len zu müs­sen, die dazu nichts – nicht ein­mal in Gestalt des sofort zu leis­ten­den Ver­lust­an­teils — bei­tra­gen wol­len. Eben­so wenig kön­nen die Gesell­schaf­ter, die nichts mehr in die Gesell­schaft inves­tie­ren wol­len, die sanie­rungs­be­rei­ten Mit­ge­sell­schaf­ter stets auf den Weg der Liqui­da­ti­on mit den damit durch­gän­gig ver­bun­de­nen Zer­schla­gungs­ver­lus­ten ver­wei­sen. In die­sen Fäl­len kann es die gesell­schafter­li­che Treu­pflicht den zah­lungs­un­wil­li­gen oder zah­lungs­un­fä­hi­gen Gesell­schaf­tern gebie­ten, aus der Gesell­schaft aus­zu­schei­den und die Fol­gen – sofor­ti­ger Aus­gleich des “nega­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­bens” – zu tra­gen.


Die­se Vor­aus­set­zun­gen hat der Senat im zu ent­schei­den­den Fall als erfüllt ange­se­hen. Die Klä­ge­rin hät­te zwin­gend liqui­diert wer­den müs­sen, wenn sich nicht der ganz über­wie­gen­de Teil der Gesell­schaf­ter bereit gefun­den hät­te, wei­te­re Gel­der an die Gesell­schaft zu zah­len, weil nur dadurch die Kre­dit­ge­ber ihrer­seits ver­an­lasst wer­den konn­ten, auf einen nicht uner­heb­li­chen Teil ihrer For­de­run­gen gegen die Gesell­schaft zu ver­zich­ten. Für den Fall des Erfolgs die­ses Sanie­rungs­plans hät­ten die nicht zah­lungs­be­rei­ten Gesell­schaf­ter hier­von ohne eige­nen finan­zi­el­len Auf­wand und damit auf Kos­ten der risi­ko­be­rei­ten Gesell­schaf­ter pro­fi­tiert. Ein der­ar­tig unaus­ge­wo­ge­nes Ver­hält­nis ist den finan­zie­ren­den Gesell­schaf­tern jeden­falls dann nicht zumut­bar, wenn der zah­lungs­un­wil­li­ge Gesell­schaf­ter, wie im vor­lie­gen­den Fall, durch sein Aus­schei­den nicht nur nicht schlech­ter, son­dern sogar deut­lich bes­ser gestellt wird, als er ste­hen wür­de, wenn die Gesell­schaft liqui­diert wor­den wäre und er den dabei auf ihn ent­fal­len­den antei­li­gen Ver­lust zu tra­gen hät­te.
Damit sind alle vier Beklag­ten zum 31. Dezem­ber 2003 als Gesell­schaf­ter aus der Klä­ge­rin aus­ge­schie­den. Zur Klä­rung der zwi­schen den Par­tei­en strei­ti­gen Fra­ge der Höhe des jeweils zu zah­len­den Aus­ein­an­der­set­zungs­fehl­be­tra­ges hat der II. Zivil­se­nat die Sache an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen


Gie­se­ler mahn­te, das Urteil zu beach­ten und ver­wies  bei Fra­gen u. a. auch auf die  DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de


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