(Kiel) Der u. a. für das Bank­recht zustän­di­ge XI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat in zwei im wesent­li­chen Punkt par­al­lel gela­ger­ten Revi­si­ons­ver­fah­ren ent­schie­den, dass eine Bau­spar­kas­se Bau­spar­ver­trä­ge gemäß § 489 Abs. 1 Nr. 3 BGB in der bis zum 10. Juni 2010 gel­ten­den Fas­sung (im Fol­gen­den a.F.) — jetzt § 489 Abs. 1 Nr. 2 BGB — kün­di­gen kann, wenn die Ver­trä­ge seit mehr als zehn Jah­ren zutei­lungs­reif sind, auch wenn die­se noch nicht voll bespart sind.

Dar­auf ver­weist der Ham­bur­ger Rechts­an­walt Mat­thi­as W. Kroll, LL.M., Lei­ter des Fach­aus­schus­ses „Finanz­dienst­leis­tungs- und Ver­si­che­rungs­recht“ der DASV Deut­schen Anwalt- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e.V. mit Sitz in Kiel, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) vom 21.02.2017 zu sei­nen bei­den Urtei­len vom sel­ben Tage, Az. XI ZR 185/16 und XI ZR 272/16.

In dem Ver­fah­ren XI ZR 185/16 (vgl. dazu die Pres­se­mit­tei­lung Nr. 240/2016) schloss die Klä­ge­rin am 13. Sep­tem­ber 1978 mit der beklag­ten Bau­spar­kas­se einen Bau­spar­ver­trag über eine Bau­spar­sum­me von 40.000 DM (= 20.451,68 €). Der Bau­spar­ver­trag war seit dem 1. April 1993 zutei­lungs­reif. Am 12. Janu­ar 2015 erklär­te die Beklag­te die Kün­di­gung des Bau­spar­ver­tra­ges unter Beru­fung auf § 489 Abs. 1 BGB zum 24. Juli 2015. Die Klä­ge­rin ist der Ansicht, dass die Beklag­te den Bau­spar­ver­trag nicht wirk­sam habe kün­di­gen kön­nen, und begehrt in der Haupt­sa­che die Fest­stel­lung, dass der Bau­spar­ver­trag nicht durch die erklär­te Kün­di­gung been­det wor­den ist. Das Land­ge­richt hat die Kla­ge abge­wie­sen. Auf die Beru­fung der Klä­ge­rin hat das Beru­fungs­ge­richt das Urteil abge­än­dert und der Kla­ge mit Aus­nah­me eines Teils der Neben­for­de­run­gen statt­ge­ge­ben.

In dem Ver­fah­ren XI ZR 272/16 (vgl. Pres­se­mit­tei­lung Nr. 239/2016) schloss die Klä­ge­rin gemein­sam mit ihrem ver­stor­be­nen Ehe­mann, den sie als Allein­er­bin beerbt hat, mit der beklag­ten Bau­spar­kas­se am 10. März 1999 einen Bau­spar­ver­trag über eine Bau­spar­sum­me von 160.000 DM (= 81.806,70 €) und am 25. März 1999 einen wei­te­ren Bau­spar­ver­trag über eine Bau­spar­sum­me von 40.000 DM (= 20.451,68 €). Mit Schrei­ben vom 12. Janu­ar 2015 kün­dig­te die Beklag­te bei­de Bau­spar­ver­trä­ge mit Wir­kung zum 24. Juli 2015, nach­dem die­se seit mehr als zehn Jah­ren zutei­lungs­rei­fe waren. Die Klä­ge­rin ist der Ansicht, dass die erklär­ten Kün­di­gun­gen unwirk­sam sei­en, weil der Beklag­ten kein Kün­di­gungs­recht zuste­he. Sie begehrt in der Haupt­sa­che die Fest­stel­lung, dass die Bau­spar­ver­trä­ge nicht durch die Kün­di­gung been­det wor­den sind. Das Land­ge­richt hat die Kla­ge abge­wie­sen. Auf die Beru­fung der Klä­ge­rin hat das Ober­lan­des­ge­richt das Urteil abge­än­dert und der Kla­ge mit Aus­nah­me eines Teils der Neben­for­de­run­gen statt­ge­ge­ben.

Der XI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat in bei­den Ver­fah­ren auf die jeweils vom Beru­fungs­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­sio­nen der Beklag­ten die Urtei­le des Beru­fungs­ge­richts auf­ge­ho­ben, soweit zum Nach­teil der beklag­ten Bau­spar­kas­sen ent­schie­den wor­den ist, und die erst­in­stanz­li­chen Urtei­le wie­der­her­ge­stellt. Damit hat­ten die Kla­gen kei­nen Erfolg.

Auf die Bau­spar­ver­trä­ge ist Dar­le­hens­recht anzu­wen­den, denn wäh­rend der Anspar­pha­se eines Bau­spar­ver­tra­ges ist die Bau­spar­kas­se Dar­le­hens­neh­me­rin und der Bau­spa­rer Dar­le­hens­ge­ber. Erst mit der Inan­spruch­nah­me eines Bau­spar­dar­le­hens kommt es zu einem Rol­len­wech­sel.

Der XI. Zivil­se­nat hat in Über­ein­stim­mung mit der herr­schen­den Ansicht in der Instanz­recht­spre­chung und Lite­ra­tur ent­schie­den, dass die Kün­di­gungs­vor­schrift des § 489 Abs. 1 Nr. 3 BGB a.F. auch zuguns­ten einer Bau­spar­kas­se als Dar­le­hens­neh­me­rin anwend­bar ist. Dies folgt nicht nur aus dem Wort­laut und der Sys­te­ma­tik des Geset­zes, son­dern auch aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te und dem Rege­lungs­zweck der Norm, wonach jeder Dar­le­hens­neh­mer nach Ablauf von zehn Jah­ren nach Emp­fang des Dar­le­hens die Mög­lich­keit haben soll, sich durch Kün­di­gung vom Ver­trag zu lösen.

Eben­falls in Über­ein­stim­mung mit der herr­schen­den Ansicht in der Instanz­recht­spre­chung und Lite­ra­tur hat der XI. Zivil­se­nat ent­schie­den, dass die Vor­aus­set­zun­gen des Kün­di­gungs­rechts vor­lie­gen. Denn mit dem Ein­tritt der erst­ma­li­gen Zutei­lungs­rei­fe hat die Bau­spar­kas­se unter Berück­sich­ti­gung des Zwecks des Bau­spar­ver­tra­ges das Dar­le­hen des Bau­spa­rers voll­stän­dig emp­fan­gen. Der Ver­trags­zweck besteht für den Bau­spa­rer dar­in, durch die Erbrin­gung von Anspar­leis­tun­gen einen Anspruch auf Gewäh­rung eines Bau­spar­dar­le­hens zu erlan­gen. Auf­grund des­sen hat er das damit kor­re­spon­die­ren­de Zweck­dar­le­hen mit Ein­tritt der erst­ma­li­gen Zutei­lungs­rei­fe voll­stän­dig gewährt. Dies gilt unge­ach­tet des Umstan­des, dass der Bau­spa­rer ver­pflich­tet sein kann, über den Zeit­punkt der erst­ma­li­gen Zutei­lungs­rei­fe hin­aus wei­te­re Anspar­leis­tun­gen zu erbrin­gen, weil die­se Zah­lun­gen nicht mehr der Erfül­lung des Ver­trags­zwecks die­nen.

Danach sind Bau­spar­ver­trä­ge im Regel­fall zehn Jah­re nach Zutei­lungs­rei­fe künd­bar. Aus die­sem Grun­de sind hier die von der beklag­ten Bau­spar­kas­se jeweils mehr als zehn Jah­re nach erst­ma­li­ger Zutei­lungs­rei­fe erklär­ten Kün­di­gun­gen der Bau­spar­ver­trä­ge wirk­sam.

Kroll riet, dies zu beach­ten und in allen Zwei­fels­fra­gen Rechts­rat ein­zu­ho­len, wobei er dazu u. a. auch auf die ent­spre­chend spe­zia­li­sier­ten Anwäl­te und Anwäl­tin­nen in der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de – ver­wies.

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