(Kiel) Der u.a. für das gesetz­lich gere­gel­te Pro­spekt­haf­tungs­recht zustän­di­ge XI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat über die Rechts­be­schwer­den von Anle­gern, die stell­ver­tre­tend für rund 17.000 Klä­ger Rechts­mit­tel ein­ge­legt hat­ten, und die Rechts­be­schwer­de der Deut­schen Tele­kom AG gegen den Mus­ter­ent­scheid des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main vom 16. Mai 2012 ent­schie­den.

Dar­auf ver­weist der Ham­bur­ger Rechts­an­walt Mat­thi­as W. Kroll, LL.M., Lei­ter des Fach­aus­schus­ses „Finanz­dienst­leis­tungs- und Ver­si­che­rungs­recht“ der DASV Deut­schen Anwalt- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e.V. mit Sitz in Kiel, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) vom 11.12.2014 zu sei­nem Beschluss vom 21. Okto­ber 2014 — XI ZB 12/12.

Gegen­stand des – im Zusam­men­hang mit den mas­sen­haft erho­be­nen Kla­gen von Aktio­nä­ren der Deut­schen Tele­kom AG – neu geschaf­fe­nen Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens kön­nen nur ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­ge Vor­fra­gen zu den ein­zel­nen Aktio­närskla­gen sein. Im Mit­tel­punkt des Ver­fah­rens steht dabei die (Un-)Richtigkeit des anläss­lich des soge­nann­ten “drit­ten Bör­sen­gan­ges” der Deut­schen Tele­kom AG her­aus­ge­ge­be­nen Ver­kaufs­pro­spek­tes. Im Jahr 2000 bot die Deut­sche Tele­kom AG auf Grund­la­ge die­ses Pro­spek­tes 230 Mil­lio­nen bereits zum Bör­sen­han­del zuge­las­se­ne Stück­ak­ti­en aus dem Bestand der Kre­dit­an­stalt für Wie­der­auf­bau (KfW) öffent­lich zum Ver­kauf an. Nach­dem der Kurs der Akti­en stark gefal­len war, kam es ab dem Jahr 2001 zu zahl­rei­chen Kla­gen gegen die Deut­sche Tele­kom AG, die KfW, die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und einen Teil der Kon­sor­ti­al­ban­ken.

Im Mus­ter­ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main haben der Muster­klä­ger und die auf sei­ner Sei­te Bei­gela­de­nen eine Viel­zahl von Pro­spekt­feh­lern gel­tend gemacht. Die Deut­sche Tele­kom AG als Mus­ter­be­klag­te hat das Vor­lie­gen eines Pro­spekt­feh­lers in Abre­de gestellt und sich unter ande­rem auch auf Ver­jäh­rung beru­fen. Das Ober­lan­des­ge­richt hat über die ihm durch mehr­fach berich­tig­ten und ergänz­ten Vor­la­ge­be­schluss des Land­ge­richts vor­ge­leg­ten Fra­gen durch Mus­ter­ent­scheid vom 16. Mai 2012 ent­schie­den. Einen Pro­spekt­feh­ler hat es nicht fest­ge­stellt. Fest­stel­lun­gen hat es ledig­lich zu Teil­as­pek­ten wie zur Pro­spekt­ver­ant­wort­lich­keit der Mus­ter­be­klag­ten und zu Ver­jäh­rungs­fra­gen getrof­fen. Im Übri­gen hat es die Fest­stel­lungs­an­trä­ge bei­der Sei­ten zurück­ge­wie­sen.

Auf die Rechts­be­schwer­den des Muster­klä­gers und der auf sei­ner Sei­te Bei­gela­de­nen hat der XI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs den Mus­ter­ent­scheid in einem zen­tra­len Punkt auf­ge­ho­ben.

Anders als das Ober­lan­des­ge­richt hat er hin­sicht­lich der Vor­gän­ge um die kon­zern­in­ter­ne Über­tra­gung der ursprüng­lich von der Mus­ter­be­klag­ten gehal­te­nen Akti­en des US-ame­ri­ka­ni­schen Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­mens Sprint Cor­po­ra­ti­on (Sprint) einen Pro­spekt­feh­ler bejaht. Er hat die Sache des­halb zur erneu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung über noch offe­ne — ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­ge — Fol­ge­fra­gen zur Kau­sa­li­tät und zum Ver­schul­den an das Ober­lan­des­ge­richt zurück­ver­wie­sen. Zur Begrün­dung hat er im Wesent­li­chen aus­ge­führt:

Das Ober­lan­des­ge­richt ist im Aus­gangs­punkt zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass sich die gel­tend gemach­ten Pro­spekt­haf­tungs­an­sprü­che nach der spe­zi­al­ge­setz­li­chen Pro­spekt­haf­tung gemäß § 13 Ver­k­Pro­spG aF iVm § 45 BörsG aF ana­log rich­ten. Rechts­feh­ler­haft hat das Ober­lan­des­ge­richt jedoch einen Pro­spekt­feh­ler ver­neint, soweit im Pro­spekt aus­ge­führt ist, die Mus­ter­be­klag­te habe im Jahr 1999 auf Grund des kon­zern­in­ter­nen Ver­kaufs ihrer Antei­le an Sprint einen Buch­ge­winn von 8,2 Mrd. € rea­li­sie­ren kön­nen. Inso­weit ist der Pro­spekt objek­tiv falsch. Selbst für einen bilanz­kun­di­gen Anle­ger war bei der gebo­te­nen sorg­fäl­ti­gen und ein­ge­hen­den Lek­tü­re des gesam­ten Pro­spekts nicht ersicht­lich, dass die Mus­ter­be­klag­te die Sprint-Akti­en nicht — wie im Pro­spekt dar­ge­stellt — ver­kauft, son­dern im Wege der Sach­ein­la­ge auf ihre 100%-ige Kon­zern­toch­ter, die NAB Nord­ame­ri­ka Betei­li­gungs Hol­ding GmbH (NAB), über­tra­gen hat (sog. Umhän­gung). Der Pro­spekt zeigt damit nicht wie gebo­ten auf, dass die Mus­ter­be­klag­te trotz Über­tra­gung der Akti­en inner­halb des Kon­zerns wei­ter­hin das vol­le Risi­ko eines Kurs­ver­lus­tes der Sprint-Akti­en mit allen divi­den­den­re­le­van­ten Abschrei­bungs­ri­si­ken trug. Im Pro­spekt hät­te dar­ge­legt wer­den müs­sen, dass der Betei­li­gungs­buch­wert der Mus­ter­be­klag­ten an der NAB in Fol­ge der Umhän­gung um 9,8 Mrd. € gestie­gen war. Nur so wäre erkenn­bar gewe­sen, dass der Betei­li­gungs­buch­wert im Fal­le eines Kurs­ver­lus­tes der Sprint-Akti­en in der­sel­ben Höhe sin­ken wür­de und des­halb eine Son­der­ab­schrei­bung in Höhe des kom­plet­ten Kurs­ver­lusts — wie hier in Höhe von 6,653 Mrd. € — vor­ge­nom­men wer­den müss­te, was wie­der­um unmit­tel­ba­ren Ein­fluss auf den Bilanz­ge­winn der Mus­ter­be­klag­ten in künf­ti­gen Geschäfts­jah­ren und damit die Divi­den­den­er­war­tung der mit dem Pro­spekt ange­spro­che­nen Anle­ger haben wür­de. Das alles ergibt sich aus dem Pro­spekt aber nicht. An kei­ner Stel­le des Pro­spek­tes wer­den die NAB, ihre Rechts­form, ihre Geschäfts­tä­tig­keit als Hol­ding, die Ende des Geschäfts­jah­res 1999 das gesam­te Akti­en­pa­ket an Sprint hielt, und die wesent­li­che Betei­li­gung der Mus­ter­be­klag­ten an der NAB erwähnt. Im Gegen­teil wird im Kon­zern­an­hang des Pro­spekts unter der Über­schrift “Wesent­li­che Betei­li­gun­gen” der Kapi­tal­an­teil der Mus­ter­be­klag­ten an Sprint-FON mit 10,99 % und an Sprint-PCS mit 11,28 % — jeweils bezo­gen auf das Geschäfts­jahr 1998 — ange­ge­ben. Dar­aus konn­te selbst ein bilanz­kun­di­ger Anle­ger die tat­säch­li­chen Betei­li­gungs­ver­hält­nis­se im Jahr 1999 und die sich dar­aus erge­ben­den Risi­ken nicht ablei­ten.

Damit steht das Vor­lie­gen eines Pro­spekt­feh­lers für sämt­li­che Aus­gangs­ver­fah­ren bin­dend fest. Aller­dings ist mit Abschluss des Rechts­be­schwer­de­ver­fah­rens noch nicht abschlie­ßend ent­schie­den, ob die Deut­sche Tele­kom AG auf Grund des fest­ge­stell­ten Pro­spekt­feh­lers dem Grun­de nach tat­säch­lich zur Zah­lung von Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet ist. Zu den wei­te­ren — ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­gen — haf­tungs­be­grün­den­den Vor­aus­set­zun­gen, wie zur Kau­sa­li­tät und zum Ver­schul­den (§ 46 BörsG aF), hat das Ober­lan­des­ge­richt — von sei­nem recht­li­chen Stand­punkt aus fol­ge­rich­tig — bis­lang kei­ne Fest­stel­lun­gen getrof­fen. Dies wird es nach Zurück­ver­wei­sung des Mus­ter­ver­fah­rens nach­zu­ho­len haben.

Die wei­ter­ge­hen­den Angrif­fe der wech­sel­sei­ti­gen Rechts­be­schwer­den gegen den Mus­ter­ent­scheid des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main hat­ten mit Aus­nah­me von Neben­punk­ten zur Ver­jäh­rung kei­nen Erfolg. Ins­be­son­de­re hat das Ober­lan­des­ge­richt auf­grund einer umfas­sen­den tatrich­ter­li­cher Wür­di­gung rechts­feh­ler­frei ent­schie­den, dass der Wert des Immo­bi­li­en­ver­mö­gens der Mus­ter­be­klag­ten mit mehr als 12.000 Grund­stü­cken und ca. 32.000 bau­li­chen Anla­gen im Pro­spekt nicht wesent­lich zu hoch ange­ge­ben wor­den war.

Kroll riet, dies zu beach­ten und in allen Zwei­fels­fra­gen Rechts­rat ein­zu­ho­len, wobei er dazu u. a. auch auf die ent­spre­chend spe­zia­li­sier­ten Anwäl­te und Anwäl­tin­nen in der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de – ver­wies.
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Mat­thi­as W. Kroll, LL.M.
Rechtsanwalt/Master of Insuran­ce Law
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Lei­ter des Fach­aus­schus­ses XIV „Finanz­dienst­leis­tungs- und Ver­si­che­rungs­recht“
der DASV Deut­schen Anwalt- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e.V.

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