(Kiel) Der für das Bank­recht zustän­di­ge XI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat ent­schie­den, dass § 675w Satz 3 BGB die Anwen­dung der Grund­sät­ze des Anscheins­be­wei­ses im Online-Ban­king bei Ertei­lung eines Zah­lungs­auf­trags unter Ein­satz der zutref­fen­den PIN und TAN nicht ver­bie­tet.

Es muss aber geklärt sein, dass das ein­ge­setz­te Siche­rungs­sys­tem im Zeit­punkt der Vor­nah­me des strit­ti­gen Zah­lungs­vor­gangs im All­ge­mei­nen prak­tisch unüber­wind­bar war und im kon­kre­ten Ein­zel­fall ord­nungs­ge­mäß ange­wen­det wor­den ist und feh­ler­frei funk­tio­niert hat. Bei einer miss­bräuch­li­chen Nut­zung des Online-Ban­kings spricht kein Beweis des ers­ten Anscheins für ein grob fahr­läs­si­ges Ver­hal­ten des Kon­to­in­ha­bers.

Dar­auf ver­weist der Ham­bur­ger Rechts­an­walt Mat­thi­as W. Kroll, LL.M., Lei­ter des Fach­aus­schus­ses „Finanz­dienst­leis­tungs- und Ver­si­che­rungs­recht“ der DASV Deut­schen Anwalt- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e.V. mit Sitz in Kiel, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) vom 26.01.2016 zu sei­nem Urteil vom sel­ben Tage, Az.: XI ZR 91/14.

Die beklag­te GmbH unter­hielt bei der kla­gen­den Spar­kas­se u.a. ein Geschäfts­gi­ro­kon­to, mit dem sie seit März 2011 am Online-Ban­king teil­nahm. Der Geschäfts­füh­rer der Beklag­ten erhielt dazu eine per­sön­li­che Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer (PIN), mit der er u.a. auf das Geschäfts­gi­ro­kon­to zugrei­fen konn­te. Zur Frei­ga­be ein­zel­ner Zah­lungs­vor­gän­ge wur­de das smsTAN-Ver­fah­ren (Über­mitt­lung der Trans­ak­ti­ons­num­mer durch SMS) über eine Mobil­funk­num­mer des Geschäfts­füh­rers der Beklag­ten ver­ein­bart. Nach­dem es zu Stö­run­gen im Online-Ban­king-Sys­tem der Klä­ge­rin gekom­men war, wur­den am 15. Juli 2011 aus nicht geklär­ten Umstän­den dem Geschäfts­kon­to der Beklag­ten feh­ler­haft Beträ­ge von 47.498,95 EUR und 191.576,25 EUR gut­ge­schrie­ben. Die Klä­ge­rin ver­an­lass­te am 15. und 17. Juli 2011 ent­spre­chen­de Stor­nie­run­gen, die auf­grund des Wochen­en­des erst am Mon­tag, dem 18. Juli 2011, aus­ge­führt wur­den. Am Frei­tag, dem 15. Juli 2011, um 23:29 Uhr wur­de unter Ver­wen­dung der zutref­fen­den PIN und einer gül­ti­gen smsTAN eine Über­wei­sung von 235.000 EUR vom Kon­to der Beklag­ten zuguns­ten des Streit­hel­fers der Klä­ge­rin – eines Rechts­an­walts – in das Online-Ban­king-Sys­tem der Klä­ge­rin ein­ge­ge­ben. Die Über­wei­sung wur­de am Mon­tag­mor­gen, dem 18. Juli 2011, mit dem ers­ten Buchungs­lauf aus­ge­führt. Da zeit­gleich die feh­ler­haf­ten Gut­schrif­ten berich­tigt wur­den, ergab sich ein Soll­be­trag auf dem Geschäfts­kon­to der Beklag­ten.

Nach­dem die Klä­ge­rin die Beklag­te erfolg­los zum Aus­gleich des Kon­tos auf­ge­for­dert hat­te, kün­dig­te sie die Geschäfts­be­zie­hung frist­los und for­dert mit der vor­lie­gen­den Kla­ge den Schluss­sal­do von 236.422,14 € nebst Zin­sen. Sie hat­te in bei­den Tat­sa­chen­in­stan­zen Erfolg.

Der XI. Zivil­se­nat hat auf die Revi­si­on der Beklag­ten das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache zur erneu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen. Dabei waren im Wesent­li­chen fol­gen­de Über­le­gun­gen maß­geb­lich:

Ist die Zustim­mung (Auto­ri­sie­rung) des Kon­to­in­ha­bers zu einem Zah­lungs­vor­gang strit­tig, hat das aus­füh­ren­de Kre­dit­in­sti­tut (Zah­lungs­dienst­leis­ter) bei Ver­wen­dung eines Zah­lungs­au­then­ti­fi­zie­rungs­in­stru­ments (hier das Online-Ban­king-Ver­fah­ren) nach § 675w Satz 2 BGB nach­zu­wei­sen, dass die­ses ein­schließ­lich sei­ner per­so­na­li­sier­ten Sicher­heits­merk­ma­le (hier: PIN und smsTAN) genutzt und dies mit­hil­fe eines Ver­fah­rens über­prüft wor­den ist. Die­sen Nach­weis hat die kla­gen­de Bank nach den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts geführt. Dies genügt aber nach § 675w Satz 3 BGB “nicht not­wen­di­ger­wei­se”, um den dem Zah­lungs­dienst­leis­ter oblie­gen­den Beweis der Auto­ri­sie­rung des Zah­lungs­vor­gan­ges durch den Zah­lungs­dienst­nut­zer (hier: Kon­to­in­ha­be­rin) zu füh­ren. Das schließt nicht aus, dass sich der Zah­lungs­dienst­leis­ter auf einen Anscheins­be­weis beru­fen kann. Dem Wort­laut des § 675w Satz 3 BGB ist näm­lich genügt, da die Grund­sät­ze des Anscheins­be­wei­ses weder eine zwin­gen­de Beweis­re­gel noch eine Beweis­ver­mu­tung begrün­den.

Vor­aus­set­zung für die Anwen­dung der Grund­sät­ze des Anscheins­be­wei­ses auf die Auto­ri­sie­rung eines Zah­lungs­vor­gangs bei Ver­wen­dung eines Zah­lungs­au­then­ti­fi­zie­rungs­in­stru­ments ist aber die all­ge­mei­ne prak­ti­sche Sicher­heit des ein­ge­setz­ten Authen­ti­fi­zie­rungs­ver­fah­rens und des­sen Ein­hal­tung im kon­kre­ten Ein­zel­fall. Zudem bedarf die Erschüt­te­rung des Anscheins­be­wei­ses nicht zwin­gend der Behaup­tung und ggf. des Nach­wei­ses tech­ni­scher Feh­ler des doku­men­tier­ten Authen­ti­fi­zie­rungs­ver­fah­rens durch den Kon­to­in­ha­ber.

Trotz all­ge­mein bekannt gewor­de­ner, erfolg­rei­cher Angrif­fe auf Sicher­heits­sys­te­me des Online-Ban­kings fehlt nach Auf­fas­sung des Senats nicht in jedem Fall eine Grund­la­ge für die Anwen­dung des Anscheins­be­wei­ses, da ent­spre­chen­de Erkennt­nis­se nicht zu allen im Online-Ban­king genutz­ten Authen­ti­fi­zie­rungs­ver­fah­ren vor­lie­gen.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen hat das Beru­fungs­ge­richt ver­kannt und die not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen zur prak­ti­schen Unüber­wind­bar­keit des kon­kret ein­ge­setz­ten Siche­rungs­sys­tems sowie zu den zur Erschüt­te­rung eines even­tu­ell ein­grei­fen­den Anscheins­be­wei­ses vor­ge­tra­ge­nen Umstän­den nicht getrof­fen, wes­halb das Beru­fungs­ur­teil auf­zu­he­ben war.

Das Urteil des Beru­fungs­ge­richts stellt sich auch nicht aus ande­ren Grün­den als zutref­fend dar.

Die Grund­sät­ze der Anscheins­voll­macht fin­den zulas­ten der Beklag­ten kei­ne Anwen­dung. Es fehlt jeden­falls an einer Erkenn­bar­keit des Han­delns des ver­meint­li­chen Ver­tre­ters durch den Zah­lungs­dienst­leis­ter sowie bei einem ein­ma­li­gen Miss­brauchs­fall im Online-Ban­king an der erfor­der­li­chen Dau­er und Häu­fig­keit des Han­delns des Schein­ver­tre­ters.

Auch ein Anscheins­be­weis für eine grob fahr­läs­si­ge Ver­let­zung einer Pflicht aus § 675l BGB durch die Beklag­te und damit ein Anspruch der Klä­ge­rin aus § 675v Abs. 2 BGB schei­den auf Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen aus. Im Fal­le des Miss­brauchs des Online-Ban­kings besteht ange­sichts der zahl­rei­chen Authen­ti­fi­zie­rungs­ver­fah­ren, Siche­rungs­kon­zep­te, Angrif­fe und dar­an anknüp­fen­der denk­ba­rer Pflicht­ver­let­zun­gen des Nut­zers kein Erfah­rungs­satz, der auf ein bestimm­tes typi­sches Fehl­ver­hal­ten des Zah­lungs­dienst­nut­zers hin­weist.

Kroll riet, dies zu beach­ten und in allen Zwei­fels­fra­gen Rechts­rat ein­zu­ho­len, wobei er dazu u. a. auch auf die ent­spre­chend spe­zia­li­sier­ten Anwäl­te und Anwäl­tin­nen in der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de – ver­wies.

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