, Beschluss vom 23.01.2019

Pres­se­mit­tei­lung des BFH Nr. 3 vom 23. Janu­ar 2019

Umsatz­steu­er­be­frei­ung für medi­zi­ni­sche Hot­line bei Gesund­heits­te­le­fon und Pati­en­ten­be­gleit­pro­gram­men zwei­fel­haft

Beschluss vom 18.9.2018 XI R 19/15

Der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) hat Zwei­fel, ob tele­fo­ni­sche Bera­tungs­leis­tun­gen, die eine GmbH im Auf­trag von gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen durch „Gesund­heits­coa­ches“ aus­führt, als Heil­be­hand­lun­gen gel­ten kön­nen. Er hat mit Beschluss vom 18. Sep­tem­ber 2018 XI R 19/15 den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) um Klä­rung gebe­ten.

Im Streit­fall betrieb die Klä­ge­rin im Auf­trag gesetz­li­cher Kran­ken­kas­sen ein sog. Gesund­heits­te­le­fon zur Bera­tung von Ver­si­cher­ten in medi­zi­ni­scher Hin­sicht. Sie führ­te zudem Pati­en­ten­be­gleit­pro­gram­me durch, bei denen bestimm­te Ver­si­cher­te auf der Basis von Abrech­nungs­da­ten und Krank­heits­bil­dern über eine medi­zi­ni­sche Hot­line situa­ti­ons­be­zo­ge­ne Infor­ma­tio­nen zu ihrem Kran­ken­bild erhiel­ten. Die tele­fo­ni­schen Bera­tungs­leis­tun­gen wur­den durch Kran­ken­schwes­tern und medi­zi­ni­sche Fach­an­ge­stell­te erbracht, die größ­ten­teils auch als „Gesund­heits­coach“ aus­ge­bil­det waren. In ca. einem Drit­tel der Fäl­le wur­de ein Arzt hin­zu­ge­zo­gen, der die Bera­tung über­nahm bzw. bei Rück­fra­gen Anwei­sun­gen oder eine Zweit­mei­nung erteil­te.

Nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/112/EG des Rates vom 28. Novem­ber 2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (Richt­li­nie 2006/112/EG) sind Heil­be­hand­lun­gen im Bereich der Human­me­di­zin, die im Rah­men der Aus­übung der von dem betref­fen­den Mit­glied­staat defi­nier­ten ärzt­li­chen und arzt­ähn­li­chen Beru­fe durch­ge­führt wer­den, steu­er­frei. Dem ent­spricht § 4 Nr. 14 Buchst. a Satz 1 des Umsatz­steu­er­ge­set­zes, der ent­spre­chend der Richt­li­nie aus­zu­le­gen ist.

Der BFH ver­tritt in dem Vor­la­ge­be­schluss die Auf­fas­sung, dass die im Rah­men des Gesund­heits­te­le­fons erbrach­ten Leis­tun­gen bei engem Ver­ständ­nis der Befrei­ungs­vor­schrif­ten nicht in deren Anwen­dungs­be­reich fal­len: Es ste­he weder fest, ob sich an die Bera­tung eine ärzt­li­che Heil­be­hand­lung anschließt noch ob sie als Erst­be­ra­tung Bestand­teil einer kom­ple­xen Heil­be­hand­lung wer­den; außer­dem erfol­ge die Infor­ma­ti­on der Anru­fen­den im Gegen­satz zu den Pati­en­ten­be­gleit­pro­gram­men nicht auf der Grund­la­ge vor­he­ri­ger medi­zi­ni­scher Fest­stel­lun­gen oder Anord­nun­gen. Fer­ner sei frag­lich, ob die für her­kömm­li­che Heil­be­hand­lun­gen von dem betref­fen­den Mit­glied­staat defi­nier­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­merk­ma­le eines ärzt­li­chen und arzt­ähn­li­chen Berufs (Art. 132 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2006/112/EG) auch für sol­che Heil­be­hand­lun­gen gel­ten, die ohne per­sön­li­chen Kon­takt erbracht wer­den, oder ob es –z.B. für Leis­tun­gen im Bereich der Tele­me­di­zin– zusätz­li­cher Anfor­de­run­gen bedarf.

Mit dem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des BFH soll damit vom EuGH geklärt wer­den, ob eine steu­er­be­frei­te Tätig­keit vor­liegt, wenn ein Steu­er­pflich­ti­ger (Unter­neh­mer) im Auf­trag von Kran­ken­kas­sen Ver­si­cher­te zu ver­schie­de­nen Gesund­heits- und Krank­heits­the­men tele­fo­nisch berät. Außer­dem ist die Fra­ge zu beant­wor­ten, ob es für den erfor­der­li­chen beruf­li­chen Befä­hi­gungs­nach­weis aus­reicht, dass die tele­fo­ni­schen Bera­tun­gen von „Gesund­heits­coa­ches“ (medi­zi­ni­schen Fach­an­ge­stell­ten, Kran­ken­schwes­tern) durch­ge­führt wer­den und (nur) in ca. einem Drit­tel der Fäl­le ein Arzt hin­zu­ge­zo­gen wird.

sie­he auch: Beschluss (EuGH-Vor­la­ge) des XI. Senats vom 18.9.2018 — XI R 19/15 -

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