(Kiel) Die Ein­wil­li­gung einer Pati­en­tin in eine Ope­ra­ti­on mit einer neu­en, noch nicht all­ge­mein ein­ge­führ­ten Metho­de (Neu­land­me­tho­de) ist unwirk­sam, wenn die Pati­en­tin nicht beson­ders dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass es sich um ein neu­es Ver­fah­ren han­delt, bei dem auch unbe­kann­te Risi­ken auf­tre­ten kön­nen. Die mit einer unwirk­sa­men Ein­wil­li­gung vor­ge­nom­me­ne Ope­ra­ti­on ist rechts­wid­rig und kann Scha­dens­er­satz­an­sprü­che der Pati­en­tin begrün­den.

Dar­auf ver­weist der Stutt­gar­ter Rechts­an­walt Alex­an­der Ril­ling von der DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e.V. mit Sitz in Kiel unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des OLG Hamm vom 20.02.2018 zu sei­nem Urteil vom 23.01.2018 (Az. 26 U 76/17 OLG Hamm).

Die heu­te 62 Jah­re alte Klä­ge­rin aus dem Lahn-Dill-Kreis begab sich im April 2008 in ein Kran­ken­haus in Sie­gen, des­sen Trä­ger die Beklag­te ist. Sie stell­te sich wegen einer Belas­tungs­harn­in­kon­ti­nenz in der uro­dy­na­mi­schen Sprech­stun­de vor. Der Klä­ge­rin wur­de nach Dia­gno­se­stel­lung das ope­ra­ti­ve Ein­brin­gen eines Net­zes vor­ge­schla­gen. Hier­bei han­del­te es sich um eine im Jah­re 2008 nicht all­ge­mein ein­ge­führ­te, sog. Neu­land­me­tho­de. Nach einem wei­te­ren ärzt­li­chen Auf­klä­rungs­ge­spräch stimm­te die Klä­ge­rin dem neu­en Ope­ra­ti­ons­ver­fah­ren zu. Der ope­ra­ti­ve Ein­griff erfolg­te noch im April 2008. In der Fol­ge­zeit litt die Klä­ge­rin an einer Dys­pa­reu­nie und einer rest­li­chen Harn­in­kon­ti­nenz. Bis zum April 2009 unter­zog sie sich fünf wei­te­ren Ope­ra­tio­nen, bei denen wei­te Tei­le des Netz­ge­we­bes ent­fernt wur­den. Danach ver­blie­ben per­sis­tie­ren­de Schmerz­emp­fin­dun­gen.

Unter ande­rem mit der Begrün­dung, unzu­rei­chend über alter­na­ti­ve Behand­lungs­me­tho­den und Risi­ken der Neu­land­me­tho­de auf­ge­klärt wor­den zu sein, hat die Klä­ge­rin von der Beklag­ten Scha­dens­er­satz ver­langt, ins­be­son­de­re ein Schmer­zens­geld in Höhe von min­des­tens 50.000 Euro.

Nach dem Ein­ho­len eines gynä­ko­lo­gi­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens hat das Land­ge­richt der Kla­ge teil­wei­se statt­ge­ge­ben und der Klä­ge­rin ein Schmer­zens­geld in Höhe von 35.000 Euro zuge­spro­chen.

Die Beru­fung der Beklag­ten gegen die erst­in­stanz­li­che Ver­ur­tei­lung ist erfolg­los geblie­ben. Mit Urteil vom 23.01.2018 hat der 26. Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts Hamm die erst­in­stanz­li­che Ver­ur­tei­lung bestä­tigt. Der Senat hat den gynä­ko­lo­gi­schen Sach­ver­stän­di­gen erneut ange­hört und über die mit der Klä­ge­rin vor der Ope­ra­ti­on geführ­ten ärzt­li­chen Auf­klä­rungs­ge­sprä­che Beweis erho­ben.

Der im Hau­se der Beklag­ten im April 2008 durch­ge­führ­te ope­ra­ti­ve Ein­griff sei rechts­wid­rig, so der Senat, und ver­pflich­te die Beklag­te zum Scha­dens­er­satz. Er sei nicht von einer wirk­sa­men Ein­wil­li­gung der Klä­ge­rin gedeckt gewe­sen, weil die­se zuvor feh­ler­haft über die unzu­rei­chen­de Erfah­rung mit den mög­li­chen Fol­gen des neu­en Ope­ra­ti­ons­ver­fah­rens auf­ge­klärt wor­den sei.

Zwar sei die Klä­ge­rin neben der Neu­land­me­tho­de auch über ein stan­dar­di­sier­tes, klas­si­sches Ope­ra­ti­ons­ver­fah­ren auf­ge­klärt wor­den. Ihre Auf­klä­rung über die Neu­land­me­tho­de sei aller­dings unzu­rei­chend gewe­sen, weil die Klä­ge­rin nicht in hin­rei­chen­der Wei­se auf die sei­ner­zeit noch nicht abschlie­ßend bekann­ten Risi­ken der neu­en Metho­de hin­ge­wie­sen wor­den sei. Nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen habe das neue Ver­fah­ren im Jah­re 2008 zwar als erfolg­ver­spre­chen­der als die bis­he­ri­ge, klas­si­sche Metho­de gegol­ten. Aller­dings habe es im Jah­re 2008 in Deutsch­land noch kei­ne belast­ba­ren Infor­ma­tio­nen über kon­kre­te Risi­ken der ange­wand­ten neu­en Metho­de gege­ben. Die kli­ni­sche Erpro­bungs­pha­se des seit dem Jah­re 2005 zunächst in den USA ein­ge­setz­ten Ver­fah­rens sei noch nicht abge­schlos­sen gewe­sen. So sei auch noch nicht bekannt gewe­sen, dass das Ein­set­zen eines Net­zes im Becken­bo­den­be­reich mas­si­ve gesund­heit­li­che Pro­ble­me nach sich zie­hen kön­ne. Bei die­ser Sach­la­ge habe die Klä­ge­rin expli­zit dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den müs­sen, dass es sich um ein neu­es, noch nicht abschlie­ßend beur­teil­ba­res Ver­fah­ren han­de­le. Ihr hät­te aus­drück­lich ver­deut­licht wer­den müs­sen, dass auch unbe­kann­te Kom­pli­ka­tio­nen auf­tre­ten könn­ten. Als Pati­en­tin habe sie in die Lage ver­setzt wer­den müs­sen, für sich sorg­fäl­tig abzu­wä­gen, ob sie sich nach der her­kömm­li­chen Metho­de mit bekann­ten Risi­ken ope­rie­ren las­sen wol­le oder nach der neu­en Metho­de unter Berück­sich­ti­gung der in Aus­sicht gestell­ten Vor­tei­le und der noch nicht in jeder Hin­sicht bekann­ten Gefah­ren. Die­sen gestei­ger­ten Anfor­de­run­gen habe die Auf­klä­rung im Hau­se der Beklag­ten nicht genügt.

Ril­ling riet, bei ähn­lich gela­ger­ten Fäl­len auf jeden Fall Rechts­rat ein­zu­ho­len und ver­wies in die­sem Zusam­men­hang u.a. auch auf die DASV Deut­sche Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­ver­ei­ni­gung für die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft e. V. – www.mittelstands-anwaelte.de  -

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